Chinas Strukturwandel zwingt ausländische Anbieter zum Umdenken

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Chinas Strukturwandel wird in den nächsten Jahren von drei Trends bestimmt werden: stärkere Urbanisierung, zunehmende Alterung und wachsende Binnennachfrage. Der bereits hohe Urbanisierungsgrad (mehr als die Hälfte der chinesischen Bevölkerung lebt in urbanen Zentren) wird durch die neue Regierung mit politischen Maßnahmen weiter vorangetrieben.

Chinas Strukturwandel wird in den nächsten Jahren von drei Trends bestimmt werden: stärkere Urbanisierung, zunehmende Alterung und wachsende Binnennachfrage. Der bereits hohe Urbanisierungsgrad (mehr als die Hälfte der chinesischen Bevölkerung lebt in urbanen Zentren) wird durch die neue Regierung mit politischen Maßnahmen weiter vorangetrieben. Sie reichen von Investitionen in die urbane Infrastruktur, der Förderung des Wohnungsbaus bis zu wahrscheinlichen Reformen des überkommenen Haushaltsregistrierungssystems (Hukou), das den Wanderarbeitern das Leben mit Familie in den Städten erleichtern wird.

Der Alterungsprozess schreitet voran, mit der Folge, dass das Tempo der Verschiebung von jung zu alt höher sein wird als in der Vergangenheit oder in Vergleichsländern wie Japan. Die wachsende Binnennachfrage schließlich wird von mehreren Faktoren gespeist: der konsolidierungsbedingt schwächer wachsenden Importnachfrage in den USA und Europa, der stetigen realen Aufwertung der chinesischen Währung, die identisch mit einem Realeinkommensanstieg für eine breiter werdende Mittelschicht ist, und der langsamen Verschiebung der Nachfragestruktur in der chinesischen Bevölkerung weg von Gütern und hin zu Geschäfts- und Konsumentendienstleistungen. Je früher die chinesische Führung die Verzerrungen im chinesischen Finanzmarkt beseitigt, die immer noch zu Lasten der Konsumfinanzierung und zugunsten der Investitionsfinanzierung gehen, desto schneller wird sich auch dieser dritte Trend durchsetzen. Gemessen an seinem aktuellen Erscheinungsbild sind Wirtschaft und Gesellschaft in China noch unvorbereitet für das, was auf sie zukommt. China ist noch eine klassische Produktionswirtschaft.

Arbeitsplätze werden bislang durch standardisierte, von der Technologie her bestimmte Abläufe gestaltet, nicht von den individuellen Wünschen der Konsumenten oder von temporären Projektaufgaben, die eigens dafür zusammengestellte Teams in wechselnder Besetzung abarbeiten. Geistige, räumliche und fachliche Mobilität stoßen in den urbanen Zentren noch an Barrieren wie Verkehrsstaus, mangelnde Dienstleistungsorientierung, Unwissen, Logistikengpässe und Informationssperren im Internet. Die Zuwendungsbereitschaft gegenüber einem Konsumenten, zu dem keine sonstigen persönlichen Beziehungen bestehen, muss noch erlernt werden. Die Nicht-Standardisierbarkeit vieler Dienstleistungen und die nur begrenzte Möglichkeit, Konsumenten und Produzenten von Dienstleistungen über das Internet zusammenzubringen, wird auch „weichen“ Fähigkeiten wie Kommunikationsvermögen und Empathie größere Bedeutung verleihen. Dieser Wandel kann einerseits Bevölkerungskreisen, die bislang nicht beschäftigt waren, neue Beschäftigungschancen eröffnen, gleichzeitig aber auch die Beschäftigung im Verarbeitenden Sektor bedrohen. Der Übergang vom bedrohten zum expandierenden Sektor dürfte für viele Arbeitnehmer nicht einfach sein und viel Zeit benötigen.

Die politische Führung muss auch akzeptieren, dass ein derartiger Strukturwandel weniger hierarchische Anweisungen und mehr partizipative Kommunikation erfordern wird, da der Konsument in den Produktionsprozess einbezogen und der Produzent die Wünsche des Konsumenten in der Kommunikation herausfinden muss. Somit kann der Strukturwandel auch mit einer stärkeren Forderung nach Demokratisierung und politischer Kommunikation einhergehen. Ordnungsrechtliche Mittel zur Steuerung der Nachfrage, wie beispielsweise Fahrverbote an einzelnen Tagen, werden intelligenteren Mitteln weichen müssen, wie die Bepreisung der Innenstadtnutzung durch Autos oder versicherungsrechtliche Anreize der effizienten Nutzung von Autos.

Für die ausländischen Anbieter wird es ratsam sein, sich auf neue Märkte in China einzustellen und das Wegbrechen alter Märkte zu akzeptieren. Vielfach wird dieser Prozess graduell sein: Ausländische Autos werden mehr Logistikkomponenten und eingebaute Entlastungen des Fahrers enthalten, um die Verstopfung der Straßen zu verhindern. Er kann aber auch bedeuten, dass sich ausländische Anbieter vom Verkauf von Gütern auf den Verkauf von Dienstleistungen einstellen müssen. Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, Gesundheit, Bildung, Freizeitnutzung und Informationsdienstleistungen können neue Wachstumssektoren sein. Hier dürfte sich die chinesische Führung mit der Öffnung des Zugangs zum chinesischen Dienstleistungsmarkt und der Gleichbehandlung mit einheimischen Konkurrenten ebenso schwer tun wie dies überall auf der Welt zu beobachten ist. Dienstleistungsmärkte sind politisch weitaus sensibler als Gütermärkte. Auch Sprachbarrieren wirken wie natürliche Protektion. Daher dürfte für ausländische Anbieter eine Sequenz wichtig werden: Geschäftsdienstleistungen und gütergebundene Dienstleistungen werden früher erschlossen werden als Konsumentendienstleistungen und güterungebundene Dienstleistungen. Logistikdienstleistungen werden von zentraler Bedeutung sein. Das Erkennen von Engpässen (etwa die Organisation der Pflege von alten Menschen in Hochhäusern ohne Aufzug) und deren Beseitigung kann ein lohnendes Geschäftsmodell sein. Ohne chinesisches Kapitel und chinesische Partner wird sich dieses Modell aber kaum rechnen dürfen. Die Abgrenzung von ausländischen gegenüber heimischen Investitionen wird bei vielen Dienstleistungen daher weniger scharf sein als bei Gütern. Joint Ventures werden wichtiger als Niederlassungen im hundertprozentigen Auslandsbesitz. Wissen darüber zu vermitteln, wie man Dienstleistungen erstellt, weiter entwickelt und verkauft, kann für Ausländer ein wichtigerer Aktivposten sein als das Vermitteln der reinen Wissensinhalte.

Chinesische Konsumenten werden darauf achten, ob die Dienstleistung im Herkunftsland des ausländischen Anbieters erprobt ist. Hier könnte mit Blick auf den starken Einfluss staatlicher oder quasi-staatlicher Anbieter auf dem deutschen Markt ein Nachholbedarf für deutsche Anbieter liegen.

(Leicht überarbeitete Version eines Artikels im Handelsblatt vom 15. März 2013 unter dem Titel „Schlecht vorbereitet“.)