Bei der Energiewende geht es um mehr als Kosten

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Die Energiewende geht nur stockend voran und wird immer mehr zum Wahlkampfthema. Besonders die stark gestiegenen Strompreise sind in den Fokus der Debatte gerückt. Das Umwelt- und das Wirtschaftsministerium warnen unisono vor explodierenden Kosten und überbieten sich gegenseitig mit Vorschlägen, die plakative Namen wie etwa „Strompreisbremse“ verpasst bekommen. Dabei wird übersehen, dass es bei der Energiewende auch ums Sparen geht: Laut Plänen der Bundesregierung soll der Primärenergieverbrauch bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent sinken, der Stromverbrauch soll um 10 Prozent zurückgehen.

Die Energiewende geht nur stockend voran und wird immer mehr zum Wahlkampfthema. Besonders die stark gestiegenen Strompreise sind in den Fokus der Debatte gerückt. Das Umwelt- und das Wirtschaftsministerium warnen unisono vor explodierenden Kosten und überbieten sich gegenseitig mit Vorschlägen, die plakative Namen wie etwa „Strompreisbremse“ verpasst bekommen. Dabei wird übersehen, dass es bei der Energiewende auch ums Sparen geht: Laut Plänen der Bundesregierung soll der Primärenergieverbrauch bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent sinken, der Stromverbrauch soll um 10 Prozent zurückgehen. Noch ambitionierter sind die Ziele für das Jahr 2050: Um 50 Prozent soll der Primärenergieverbrauch bis dahin sinken. Das ist nur zu erreichen, wenn wir in allen Lebensbereichen weniger Energie verbrauchen – und steigende Preise können durchaus ein Sparanreiz sein.

Bislang verlief die Entwicklung allerdings in die andere Richtung: Laut Indikatorbericht „Nachhaltige Entwicklung in Deutschland“ ist der Energieverbrauch der privaten Haushalte hierzulande zwischen 1990 und 2010 um 8,4 Prozent gestiegen. Zwar zeigen Maßnahmen wie etwa die verbesserte Wärmedämmung von Wohngebäuden Wirkung – diese positive Entwicklung wird jedoch durch eine zunehmende Ausstattung mit Elektrogeräten wieder zunichte gemacht. Das zeigt, dass es bei der Debatte um die Energiewende um mehr als nur die Kosten gehen sollte.

Wohlstand hängt nicht nur von wirtschaftlichen Faktoren ab, sondern auch von der Qualität der Umwelt, unserem Umgang mit natürlichen Ressourcen und dem Vorhandensein stabiler sozialer Strukturen. Das hat die Enquetekommission „Wohlstand, Wachstum, Lebensqualität“ erst kürzlich deutlich gemacht. Dabei kommt den Städten eine besondere Rolle zu – schließlich leben in Europa nicht nur 80 Prozent der Menschen in Städten, sondern in den urbanen Ballungsräumen wird auch ein ähnlich hoher Anteil der weltweit verfügbaren Ressourcen verbraucht. Der am Institut für Weltwirtschaft entwickelte Index für die nachhaltige Wohlfahrt trägt dieser Entwicklung Rechnung: Er misst die Wohlfahrt von Städten und berücksichtigt dabei soziale und wirtschaftliche Faktoren, die Qualität der Umwelt und des Humankapitals und eben auch den Umgang mit Energie.

Ein interessantes Ergebnis dieser Untersuchung: Ein knappes Drittel der 50 größten deutschen Städte könnte die Wohlfahrt vor allem durch Verbesserungen im Bereich Energie steigern. Ganz im Sinne der Energieeinsparziele erweisen sich dabei die Einzelindikatoren „privater Stromkonsum je Einwohner“ und „PKW-Bestand je Einwohner“ als zentral – Verbesserungen an dieser Stelle würden die Städte am meisten voranbringen und für mehr Wohlstand sorgen.

Dass sich ungenutzte Verbesserungspotenziale besonders im Energiebereich finden, zeigt sich auch unabhängig von jedem Ranking durch einen systematischen, strukturellen Vergleich der deutschen Städte: Berücksichtigt man alle 100 Städte in der IfW-Untersuchung, so ist die installierte Fläche für Solarthermie – gemessen an der Bevölkerung in Städten im Süden Deutschlands – mehr als doppelt so groß wie in den norddeutschen Städten. Berücksichtigt man die im Umland produzierte Menge an Windstrom, ergibt sich hingegen ein umgekehrtes Bild. Der durchschnittliche Stromverbrauch je Einwohner liegt bei etwa 1800 Kilowattstunden (kWh) – die Spannbreite ist hier aber erstaunlich hoch: Sie liegt zwischen knapp 1400 kWh und gut 2300 kWh je Einwohner.

Besonders verwunderlich dabei ist: Der Stromverbrauch der privaten Haushalte im Süden liegt um etwa fünf Prozent höher als im Norden. Noch deutlicher ist der Ost-West-Unterschied: In westdeutschen Städten liegt der Verbrauch um etwa 18 Prozent höher als in ostdeutschen Städten. Dafür sind nicht alleine klimatische Rahmenbedingungen verantwortlich – das zeigt beispielsweise der Vergleich zwischen Bayern und Baden-Württemberg: In den bayerischen Städten wird knapp sechs Prozent mehr Strom von den privaten Haushalten verbraucht als im Nachbar-Bundesland. Verglichen mit den Städten Sachsens und Thüringens liegt der Stromverbrauch in den bayerischen Städten sogar um 23 Prozent höher – hier schlummern also noch erhebliche Einsparpotenziale. Spitzenreiter im Stromsparen ist hierzulande übrigens die Stadt Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern: Hier verbrauchen die Haushalte gut 25 Prozent weniger Strom als der Bundesdurchschnitt.

Ähnliche regionale Unterschiede zeigen sich auch beim PKW-Bestand pro Einwohner – dem zweiten Indikator der in vielen Städten ein besonderes Verbesserungspotenzial aufweist. Auch hier sind die Schwankungen erheblich – zwischen 32 und 93 Kraftfahrzeugen je 100 Einwohner. Der Durchschnitt liegt bei 46. Während in westdeutschen Städten auf 100 Einwohner durchschnittlich etwa 48 Autos kommen, sind es in ostdeutschen Städten nur 42. Bayern liegt mit 50 Autos je 100 Einwohnern „vorne“.

In den beiden deutschen Metropolen Berlin und Hamburg ist die Zahl mit 32 bzw. 40 Autos pro 100 Einwohner dagegen unterdurchschnittlich. Das liegt vor allem an den gut ausgebauten und intensiv genutzten öffentlichen Verkehrsmitteln – und ist ein Hinweis darauf, wie sich in diesem Bereich Energiesparpotenziale realisieren lassen. Umweltfreundliche Mobilität ist dabei keine Frage schierer Größe: Auch in kleineren Städten wie etwa Heidelberg, Leipzig oder Freiburg werden die öffentlichen Verkehrsmittel intensiv genutzt – mit der Folge, dass auf 100 Einwohner lediglich 38 Autos kommen.

Natürlich ist die Wohlfahrt in süddeutschen Städten trotz des höheren Stromverbrauchs insgesamt nicht niedriger als im Norden – im Gegenteil: Diese Städte schneiden bei sozialen und wirtschaftlichen Faktoren teilweise erheblich besser ab und können die Defizite im Energiebereich mehr als wettmachen. Dennoch legt die Untersuchung offen, wo die Verbesserungspotenziale liegen – und diese finden sich insbesondere im Energiebereich.

Bleibt die Frage, ob ein niedriger Energieverbrauch auf Kosten der wirtschaftlichen Entwicklung geht, oder ob umgekehrt wirtschaftlicher Erfolg erst mehr Energieeffizienz möglich macht. Oder ob am Ende ein höheres Einkommen auch zu einem höheren Energieverbrauch führt, wie wir es in der Vergangenheit gesehen haben. Die Städtedaten zeigen hier deutlich: Es besteht weder eine starke Korrelation zwischen Einkommen und Stromverbrauch noch zwischen Einkommen und PKW-Bestand. Dies ist ein deutliches Indiz dafür, dass Städte und ihre Bürger eine Wahl haben – und dass regionale Verbesserungspotenziale im Energiebereich auch mit Blick auf den Gesamtwohlstand tatsächlich existieren. Gerade auf regionaler Ebene liegt ein enormes Potenzial für die Reduzierung des Energieverbrauchs und die Steigerung der Energieeffizienz. Und weniger Verbrauch trägt dazu bei, die mit der Energiewende verbundenen Kosten einzuschränken.

(Leicht überarbeitete Version eines Gastbeitrags in der Süddeutschen Zeitung vom 4. März 2013 unter dem Titel „Wohlfahrt durch Sparen“.)