Im Alter vom Ausland leben

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Ältere investieren in Jüngere nicht nur aus sehr subjektiven persönlichen Gründen wie innerhalb einer Familie, sondern auch in der Hoffnung, dass im Alter eine Rückzahlung erfolgt. Aus früheren Schuldnern werden im Erfolgsfall Gläubiger. Ähnliches gilt auch für Länder, die über Leistungsbilanzüberschüsse zunächst anderen Ländern Geld (d.h. Zeit) leihen und hoffen, dass sie am Ende nicht in einem Tausch „wertvolle Güter gegen wertlose Wertpapiere“ mit leeren Händen dastehen. Diese Sorge treibt deutsche Gläubiger zurzeit in Griechenland um.

Ältere investieren in Jüngere nicht nur aus sehr subjektiven persönlichen Gründen wie innerhalb einer Familie, sondern auch in der Hoffnung, dass im Alter eine Rückzahlung erfolgt. Aus früheren Schuldnern werden im Erfolgsfall Gläubiger. Ähnliches gilt auch für Länder, die über Leistungsbilanzüberschüsse zunächst anderen Ländern Geld (d.h. Zeit) leihen und hoffen, dass sie am Ende nicht in einem Tausch „wertvolle Güter gegen wertlose Wertpapiere“ mit leeren Händen dastehen. Diese Sorge treibt deutsche Gläubiger zurzeit in Griechenland um.

Ob ein Schuldenzyklus „halb“ bleibt (so die Bezeichnung durch den früheren Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft, Horst Siebert), d.h. Schuldnerländer in diesem Status verharren, oder dadurch „vollendet“ wird, dass aus früheren Schuldnern Gläubiger werden (und in einem neuen Zyklus vielleicht auch wieder Schuldner), hängt von vielen Faktoren ab. Drei davon sind besonders wichtig: Werden Kredite konsumtiv oder investiv im Schuldnerland eingesetzt? Ist die Rentabilität der Investitionen hoch genug, um den Zinsdienst zu finanzieren? Erlauben die Gläubiger den Schuldnern eine Tilgung von Schulden durch die Öffnung ihrer Märkte? Protektionismus hält die Schuldner im „halben“ Schuldenzyklus. So war es in der Zwischenkriegszeit mit den deutschen Kriegsschulden. Dagegen wurde aus Südkorea nach dem Krieg ein Gläubiger. Auch die Gruppe der asiatischen Entwicklungsländer vollendete den Schuldenzyklus und wurde ein Verein von Gläubigern. Die afrikanischen Länder südlich der Sahara aber blieben Schuldner.

Lange Zeit hatten die Analysten von langfristigen Schuldenzyklen nur die Handelsbilanz als Bestimmungsfaktor der Leistungsbilanz im Auge. Mit der Globalisierung der Finanzmärkte und vor allem mit dem rasanten Wachstum von ausländischen Portfolio- und Direktinvestitionen sind aber die Faktoreinkommen – vor allem die Einkommen aus ausländischen Kapitalanlagen – wichtiger geworden. Die dritte Komponente der Leistungsbilanz, die unentgeltlichen Übertragungen, ist nur bei Ländern relevant, die Empfänger oder Geber von Entwicklungshilfe sind oder hohe Einkommen aus Gastarbeiterüberweisungen empfangen oder abgeben. Anders als vor einem Vierteljahrhundert fließt Kapital nicht mehr nur „bergab“ in die Länder mit niedrigem Einkommen. Rohstoffländer und neue Industriestaaten sind zu Kapitalexporteuren geworden und investieren auch „bergauf“ in den alten Industriestaaten. Sie werden dazu, siehe Eurokrise, auch herzlich eingeladen. Können reife alternde Gläubigerstaaten vom Ausland leben und werden sie langsam zu Schuldnern?

Dank Deutschland hat die Euroregion im letzten Vierteljahrhundert ihre Forderungen aus dem Güterhandel noch ausgebaut und kann sich daher sowohl Transferzahlungen als auch Nettoeinkommensabflüsse an den Rest der Welt leisten. Deutschland hingegen bezieht mittlerweile konstant Nettoinvestitionseinkommen aus dem Ausland in Höhe von über einem Prozent seines BIPs. Für andere Länder sieht es düsterer aus. Italien – die nach Japan am raschesten alternde Volkswirtschaft – hat immer Einkommensabflüsse zu verzeichnen gehabt. Sie haben aber jetzt eine Größenordnung erreicht, die über dem Handelsbilanzdefizit liegt. Das Land wird wohl ein Schuldner bleiben. Frankreich steht besser da. Das Land kann sein Handelsbilanzdefizit und seine Transfers ins Ausland zu fast zwei Dritteln aus Investitionseinkommen finanzieren. Das Vereinigte Königreich dagegen empfängt viel weniger aus Einkommen, als es für Güter und Transfers an das Ausland bezahlen muss. Für Japan könnte sich der Schuldenzyklus vollenden. Seine Gläubigerposition schmilzt dahin. Das Schuldnerland USA dagegen bleibt im halben Schuldenzyklus. Seine positiven Investitionserträge reichen bei weitem nicht aus, um die hohe Güternachfrage des Landes und die Transfers ins Ausland zu finanzieren. Aber als Emittent der Weltwährung Dollar kann es (noch) auf das Stillhalten der Partner setzen. Die Frage, ob es auch einmal „wertlose“ Papiere gegen Güter tauschen wird, wird sich spätestens dann herausstellen, wenn es mehr Alternativen zum Dollar als Reservewährung gibt. Die asiatischen Schwellenländer stocken ihre Forderungen aus dem Güterhandel noch um Einkommenszuflüsse auf. Diese brauchen sie aber auch, um später heimische Verpflichtungen – wie etwa den Aufbau von sozialen Sicherungssystemen – finanzieren zu können. Die ölexportierenden Länder müssen noch einen Abfluss von Investitionseinkommen hinnehmen. Das dürfte sich dann umkehren, wenn sie politisch zum „sicheren Hafen“ werden und beginnen, Gas und Öl auf ihrem Territorium weiterzuverarbeiten.

Als reife Volkswirtschaft von früheren Anlagen im Ausland leben? Das gelingt nicht allen. Die USA tun es seit vielen Jahren, und Japan ist auf dem besten Wege dazu. Deutschland schiebt den Einstieg in diese Entwicklung noch hinaus, solange es noch Forderungen aus positiven Nettoexporten aufhäuft. Die anderen entwickelten Volkswirtschaften waren in der Vergangenheit nie in der Lage, hohe Forderungspositionen aufzubauen, um jetzt ein auskömmliches Auslandseinkommen genießen zu können. Italien steht dabei am schlechtesten da. Sie alle werden dann Probleme bekommen, wenn die Einkommensströme verstärkt zwischen Schwellen- und Entwicklungsländern fließen. Es ist wie bei Personen: Die Altersarmut kann auch Länder erreichen.

(leicht überarbeitete Version eines Artikels in der Wirtschaftswoche vom 27. Februar 2012 unter dem Titel „Halber Zyklus“)