Die USA in kommenden Jahren: Zugpferd, Hemmschuh, Störfaktor oder nur noch Mitläufer der Weltwirtschaft?

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Jahrzehntelang waren die USA mehr als nur ein unersättlicher Nachfrager von Gütern und Diensten, die anderswo nicht hätten abgesetzt werden können. Sie kontrollierten die Leitwährung und konnten so ihre Schulden mit einem Geld bezahlen, das sie selbst schaffen konnten. Sie setzten, vor allem in der 2. Hälfte der neunziger Jahre, wichtige technologische Impulse in der Telekommunikationsindustrie und veränderten damit die Arbeitsteilung und die Führungsstrukturen innerhalb von Unternehmen. Ihre Finanzindustrie schuf neue Produkte, von denen sich viele im Nachhinein als wenig nutzbringend für die Anleger erwiesen, und schließlich war ihr Immobiliensektor ein wichtiges Epizentrum – nicht das alleinige – für den Ausbruch der Krise im Jahre 2008.

Jahrzehntelang waren die USA mehr als nur ein unersättlicher Nachfrager von Gütern und Diensten, die anderswo nicht hätten abgesetzt werden können. Sie kontrollierten die Leitwährung und konnten so ihre Schulden mit einem Geld bezahlen, das sie selbst schaffen konnten. Sie setzten, vor allem in der 2. Hälfte der neunziger Jahre, wichtige technologische Impulse in der Telekommunikationsindustrie und veränderten damit die Arbeitsteilung und die Führungsstrukturen innerhalb von Unternehmen. Ihre Finanzindustrie schuf neue Produkte, von denen sich viele im Nachhinein als wenig nutzbringend für die Anleger erwiesen, und schließlich war ihr Immobiliensektor ein wichtiges Epizentrum – nicht das alleinige – für den Ausbruch der Krise im Jahre 2008.

Seitdem beherrschen Aufräumarbeiten die amerikanische Wirtschaftspolitik. Der Staat nimmt überschuldeten Hausbesitzern Lasten ab, verschiebt damit das Schuldenproblem vom Privat- auf den Staatssektor und kauft Zeit. Die Fed lockert die Geldpolitik bis zum Äußersten, ohne dass diese Impulse realwirtschaftlich nennenswert gewirkt hätten. Die Arbeitslosigkeit verharrt seit längerem bei über 8 Prozent und damit auf einem Niveau, das die USA bislang nicht kannten. Sie ist vor allem dort hoch, wo die Importkonkurrenz aus Ostasien die heimische Industrieproduktion bedrängt hat, und dies ist nur der Anfang, denn auch viele Dienstleistungen werden dank der Telekommunikation international handelbar. Nicht zufällig hat Präsident Obama eines seiner wenigen numerisch fixierten Ziele im Außenhandelssektor angesiedelt: Bis 2015 sollen sich amerikanische Exporte verdoppeln. Dem stehen aber Schwächen des Euroraums und damit verbunden die Aufwertung des Dollars entgegen. Auch haben die USA die Wachstumsmärkte in Fernost seit langem nicht mehr so erschließen können wie Konkurrenten aus Europa und anderen Regionen. Sie sind ein großer nationaler Dienstleistungsmarkt geworden, mit dem man international nicht so sichtbar punkten kann wie mit hochwertigen Industriegütern. Jenseits kurzfristiger Probleme, wie der Aufwertung gegenüber dem Euro und naturbedingter Schocks wie der Dürre im „corn belt“ des Landes, stellen sich also langfristige Herausforderungen an die amerikanische Wirtschaft.

Erstens, die Rettungsweste „Leitwährung“ wird durch das langsame Aufkommen des Renminbi löchriger. Noch steht die chinesische Währung am Beginn eines langen Weges zur globalen Leitwährung. Er hat mit der Funktion einer regionalen Fakturierungswährung in Ostasien bereits begonnen. Jede weitere Veränderung zugunsten der chinesischen Währung, selbst wenn sie friktionslos vonstattenginge, geht zulasten des Dollars und erschwert es den USA, ihre Leistungsbilanzdefizite ohne erhebliche Risikozuschläge zu finanzieren.
Zweitens, die USA werden es schwer haben, die wissensintensivste Region der Welt zu bleiben. Sie verzeichnen in den letzten Jahren Rückgänge in den Patentanmeldungen (pro BIP-Einheit) und liegen bei diesem Indikator weit hinter Newcomern wie Südkorea zurück. Eine restriktivere Einwanderungspolitik und höhere Hürden für ausländische Studenten an amerikanischen Universitäten tragen auch nicht dazu bei, diese Entwicklung zu stoppen. Im Gegenteil, sie verhelfen anderen Staaten zu einem Wettbewerbsvorteil im Ringen um die besten Köpfe.

Drittens, das Tempo der expliziten Verschuldung hat sich in den USA unabhängig von der Krise deutlich erhöht. Das Land liegt damit zusammen mit Japan in einer Gruppe. Zudem ist auch die implizite Verschuldung, die die ungedeckten Leistungsansprüche an staatliche Sicherungssysteme umfasst, fast dreimal so hoch wie die explizite Verschuldung und wächst als Folge der gesundheitspolitischen Reformen der Obama-Regierung weiter. Sollten künftige Regierungen den Konsolidierungsbedarf ernst nehmen und nicht immer auf die Zukunft verschieben, ließen sich Einschnitte in diese Ansprüche wohl kaum vermeiden. Dies würde der erwünschten Nachfrageausweitung amerikanischer Konsumenten klar im Wege stehen.
Viertens, die USA werden isolationistischer. Weniger denn je sind sie bereit, Vorleistungen für das Durchsetzen globaler Regeln in der Handelspolitik, in der Nutzung der Umwelt und in der Regulierung von Finanzmärkten zu erbringen und andere Länder damit für sich gewinnen. Sie erkennen nicht, dass sie sich und ihren global tätigen Unternehmen wirtschaftlich selbst schaden, denn die in der Nachkriegszeit lange Jahre an den Tag gelegte Bereitschaft, die Kosten von globalen Regeln auch für Dritte zu schultern, verhalf ihren Unternehmen im Ausland zu Glaubwürdigkeit, Akzeptanz und Reputation.

Diese Beispiele lassen sich auf einen Kern fokussieren: Die USA haben keinen Business Plan für die Zukunft. Ihre „Nachhaltigkeitslücken“ lassen sie, wenn sie sie überhaupt als Lücken wahrnehmen, unbeeindruckt. Und dennoch: Aus einem wirtschaftlichen Zugpferd wird so schnell kein bloßer Mitläufer. Dies gilt vor allem dann nicht, wenn politische Krisen die Welt daran erinnern, dass es zu den USA als politischer Schutz- und Ordnungsmacht noch keine Alternative gibt. Eine politische Krise würde die USA wieder in eine Position befördern, aus der heraus die Welt nolens volens bereit wäre, die Nachhaltigkeitslücke im gegenwärtigen „American way of life“ zu übernehmen; so wie sie es seit vielen Jahren tut.

(Leicht überarbeitete Version eines Artikels in Zeit Online vom 27. August 2012 unter dem Titel „Amerika ohne Masterplan".)