Die Krise im Euroraum trifft auch Dritte: Weg von der Nabelschau

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Die Euro-Mitglieder sind im Nabelschau-Modus der Krise gefangen. Die Auswirkungen der Krise auf Dritte und auf die internationale Bedeutung des Euro finden kaum Beachtung. Oberflächlich geben die Daten über die internationale Rolle des Euro Entwarnung. Bis Ende 2011 blieb die Bedeutung des Euro als Reserve-, Anker- und Anlagewährung ebenso wie als Zahlungsmittel stabil bis unverändert.

Die Euro-Mitglieder sind im Nabelschau-Modus der Krise gefangen. Die Auswirkungen der Krise auf Dritte und auf die internationale Bedeutung des Euro finden kaum Beachtung. Oberflächlich geben die Daten über die internationale Rolle des Euro Entwarnung. Bis Ende 2011 blieb die Bedeutung des Euro als Reserve-, Anker- und Anlagewährung ebenso wie als Zahlungsmittel stabil bis unverändert.

In Ermangelung von reputationswürdigen Alternativen neben dem Dollar ist diese Stabilität des Status quo nicht erstaunlich. Bis Ende 2011 waren die Abwertungstendenzen gegenüber dem Dollar auch noch nicht so stark. Weit über die rezessive Ausstrahlung der Krise im Euroraum hinaus gibt es aber Auswirkungen für die Volkswirtschaften, die mit dem Euro-Raum über Handel und Kapitalverkehr verbunden sind. Am stärksten sind diese Auswirkungen für die Länder, die eine offizielle Wechselbindung zum Euro unterhalten oder wie Montenegro und Kosovo einseitig „euroisiert“ haben, also den Euro als Währung führen, ohne dass die EZB diesen Ländern gegenüber irgendeine Verpflichtung hätte. Vom Baltikum über den Balkan bis in das frankophone West-und Zentralafrika reicht der Ländergürtel. Bei einer längerfristigen Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar laufen diese Länder Gefahr, Inflation zu importieren (z.B. über die Energiepreise). Exporteure könnten jedoch gegenüber Ländern, die kein Fixkurssystem zu einer gegenüber dem Dollar abwertenden Währung unterhalten, Preisvorteile erlangen.

Neben der Frage, wie sich der Euro gegenüber dem Dollar entwickelt, ist für diese Länder auch wichtig, wie sich das Zinsniveau im Euroraum verändert. Sinkt es aufgrund der extrem expansiven Geldpolitik der EZB weiter, steigt die Versuchung der Akteure in den Festkursländern, sich in Euro zu verschulden und gleichzeitig in lokaler Währung zu investieren. Sollte das Festkurssystem nicht mehr gehalten werden können, weil dagegen spekuliert wird und/oder weil die rezessiven Tendenzen aus dem Euroraum diese Länder erfassen, erlitten die Länder das gleiche Schicksal eines „Währungsmismatch“ wie die südostasiatischen Staaten 1997. Bei einer Abwertung würden viele Investitionsobjekte obsolet, denn die Rendite in lokaler Währung würde den nach einer Abwertung teurer gewordenen Schuldendienst in Fremdwährung nicht mehr decken.

Anders stellt sich die Frage nach den Auswirkungen der Krise im Euroraum bei den Ländern, die eine Korbbindung in der Wechselkurspolitik unterhalten, sich also nicht gegenüber einer einzelnen Währung, sondern einem Korb von Währungen binden. Der Anteil der einzelnen Währungen im Korb ist zumeist Geheimsache, kann aber anhand von Näherungswerten – wie etwa dem Anteil der Korbländer am Handel mit dem entsprechenden Land – geschätzt werden. China ist ein derartiges Land, nachdem es die einseitige Bindung an den Dollar aufgegeben hat und seinen Wechselkurs flexibler gegenüber mehreren Währungen in Richtung kontrollierter Aufwertung bestimmt. Solange eine Überhitzung der Wirtschaft und die Gefahr importierter Inflation bei einseitiger Dollarbindung das wichtigste Problem Chinas war und der Euro gegenüber dem Dollar eher auf- als abwertete, bot sich ein höheres Gewicht des Euro im Währungskorb an. Jetzt im Zuge weltweiter Abschwächung und sinkender BIP-Wachstumsraten in China haben sich die Probleme für China verschoben. Konjunkturelle Ankurbelung und Sicherung der Exportmärkte lautet die gegenwärtige Prämisse in China, und der Euro wertet gegenwärtig eher ab als auf. Dies könnte für China bedeuten, der abwertenden Währung Euro ein höheres Gewicht zu geben, mehr Euros als bisher zu kaufen und zu halten, um nicht durch zu eine zu forcierte Aufwertung des Renminbi Exportchancen einzubüßen. Angesichts der auch der chinesischen Führung hinlänglich bekannten Verantwortung für ein Vertrauen der Finanzmärkte in den Dollar hätte dies sehr dosiert zu geschehen.

Eine andere Gruppe von Drittländern hat sich von jeder offiziellen Wechselkursbindung gelöst und verfolgt ein Inflationsziel (inflation targeting). Je enger ein Land aus dieser Gruppe wirtschaftlich mit dem Euroraum verbunden ist (Beispiel: Tschechien und Türkei), desto wahrscheinlicher ist es, dass eine krisenbedingte Wechselkursänderung des Euro die Zinspolitik des Landes nicht unbeeinflusst ließe. Eine Abwertung des Euro könnte auch zur Abwertung dieser Währungen führen und die Zentralbanken dieser Länder veranlassen, die Geldpolitik aus Angst vor einer Rezession oder einer Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen zu lockern, obgleich diese Lockerung vom Inflationsziel her nicht geboten wäre.

Alle diese Szenarien blenden den worst case aus, den Zerfall der Eurozone und deren Auswirkungen. Letztere wären dramatisch und könnten viele Länder vor die harte Alternative stellen, sich bei einer Fortsetzung von expliziten oder impliziten Wechselkursbindungen entweder einer im Trend aufwertenden „Nordzone“ oder einer im Trend abwertenden „Südzone“ anzuschließen. Einiges spricht dafür, dass nach den Erfahrungen im Euroraum die Anbindung an den Süden als der einfachere Weg angesehen würde. In jedem Falle wäre der Riss, den der Zerfall verursachen würde, nicht auf den Euroraum beschränkt, sondern würde sich in Drittländern fortsetzen. Das Thema „weitere Integration in der Weltwirtschaft“ hätte sich dann für einige Zeit erledigt.

(Leicht überarbeitete Version eines Beitrags in der Rubrik „Denkfabrik“ der Wirtschaftswoche unter dem Titel „Weltweite Kollateralschäden“ vom 13. August 2012.)