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Corona Pandemie - Persönliche Betroffenheit erhöht die Spendenbereitschaft

Menschen, die selbst an Covid-19 erkrankt oder über Freunde und Familie sehr direkt von der Pandemie betroffen waren, sind eher bereit, an Wohltätigkeitsorganisationen zu spenden und geben auch höhere Beträge als Personen, die nicht auf solch eine persönliche Art betroffen waren. Dabei bevorzugten die Spendenden lokale oder regionale Organisationen gegenüber national oder weltweit agierenden. Das sind die zentralen Ergebnisse unserer empirischen Studie mit Teilnehmenden aus den USA und Italien im Mai und Juni 2020.

Eine Spende an eine Wohltätigkeitsorganisation gilt als die altruistische Handlung schlechthin: Der Einzelne gibt Ressourcen auf, um unbekannten anderen zu helfen. Altruismus, so eine gängige These, wird in Individuen durch eine Bedrohung der Gemeinschaft und eine mögliche allgemeine Ressourcenknappheit hervorgerufen, wie es die Begleitumstände der Covid-19-Pandemie zumindest zeitweise darstellten. Dazu passt auch, dass beispielsweise das Spendenaufkommen in den USA 2020 um 3,8 Prozent auf einen Rekordwert von 471 Mrd. US-Dollar anstieg. Neben Spenden brachten Bürgerinnen und Bürger ihre Großzügigkeit auch durch Freiwilligenarbeit oder durch die Unterstützung lokaler Unternehmen zum Ausdruck.

Dieses Verhalten zeigt, dass viele Menschen in der Pandemie ein verstärktes Gemeinschaftsgefühl hatten: „Wir sitzen alle im selben Boot.“ Herauszufinden, wer eigentlich Teil dieses „Wir“ ist, war eine zentrale Motivation für unsere Studie, die wir im Mai 2020 mit mehr als 900 Erwachsenen in den Vereinigten Staaten durchgeführt und im Juni desselben Jahres mit mehr als 700 Erwachsenen in Italien wiederholt haben (jeweils als Online-Studie). Sind Menschen in dieser Krise bereit zu spenden? Und wen begünstigen sie mit dieser Spende?

Spendenexperiment: Sind Menschen bereit, unerwartetes Geld zu spenden?

Unser Team informierte die Teilnehmenden darüber, dass sie für ihre Beteiligung an einer Umfrage über Erfahrungen und Entscheidungen während der Covid-19-Pandemie 3 US-Dollar erhalten würden. Anschließend erhielten sie einen Bonus von 5 US-Dollar und wurden gefragt, ob sie einen Teil oder das gesamte Bonusgeld an Wohltätigkeitsorganisationen spenden wollten, die die Covid-19-Hilfe in ihrem Bundesland oder ihrer Region, in ihrem eigenen Land oder auf der ganzen Welt unterstützen. Die italienischen Probandinnen und Probanden erhielten 2,50 Euro als Grundzahlung für die Teilnahme und 4 Euro als Bonus. Zusätzlich sagten wir den Teilnehmenden zu, dass wir jeden gespendeten Betrag verdoppeln würden.

Es zeigte sich, dass Menschen in den USA, die von der Covid-19-Pandemie direkter betroffen waren, mit 9 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit spendeten als andere. Sie spendeten auch 9,2 Prozent mehr Geld. In Italien waren die Ergebnisse leicht niedriger, aber ähnlich (7,5 Prozent höhere Spendenwahrscheinlichkeit und 5,8 Prozent mehr Geld). Insgesamt gaben etwa 63 Prozent der US-amerikanischen und 77 Prozent der italienischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zumindest einen Teil des unerwarteten Geldes für einen wohltätigen Zweck ab. Im Durchschnitt gaben die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer 35 Prozent ihres Bonus ab und behielten 65 Prozent für sich. Fast 20 Prozent verschenkten ihren gesamten Bonus.

Diese ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Tatsache, dass man Covid-19 hat oder die Folgen durch Freunde und Verwandte hautnah miterlebt, die Realität der Pandemie und die Notwendigkeit von wohltätigen Handlungen deutlicher macht. Wenn wir die tatsächliche Zahl der Pandemiefälle in der Region der Teilnehmenden messen, gibt es keinen Hinweis auf eine signifikante Auswirkung der umweltbedingten Exposition gegenüber der Krankheit auf altruistisches Verhalten. Dies deutet darauf hin, dass die subjektive psychologische Auslegung der Krise in gewisser Weise unabhängig von der „objektiven“ Bedrohung ist, mit der die Menschen in ihrem Wohngebiet konfrontiert sind, und dass die direkte persönliche Exposition als Faktor zur Aktivierung prosozialen Verhaltens wirkt.

Auswirkung der persönlichen Exposition gegenüber Covid-19 auf die Spendenhäufigkeit und den gespendeten Betrag

„Donor“ ist eine dichotome Variable, die den Wert 1 annimmt, wenn eine teilnehmende Person einen positiven Betrag an eine Wohltätigkeitsorganisation gespendet hat, und ansonsten 0. Die „Donation“ ist der gespendete Betrag als Anteil des für die Spende verfügbaren Bonus. Die beiden Panels geben die Mittelwerte der beiden Variablen an, aufgeschlüsselt nach Teilnehmenden, die persönlich nicht exponiert bzw. exponiert gegenüber Covid-19 in den USA und Italien sind. Die Teilnehmenden wurden als „exponiert“ eingestuft, wenn bei ihnen, ihren Familienmitgliedern oder ihren Bekannten Covid-19 diagnostiziert wurde oder Letztere daran gestorben waren.

Wer profitiert von der Großzügigkeit in der Krise?

Neben der reinen Spendenbereitschaft wollten wir auch herausfinden, wem die Menschen, die spenden, damit helfen möchten. Wir bauen hier auf bestehender Evidenz auf, dass Menschen am ehesten an Dingen interessiert sind, die ihre eigenen Interessen direkt betreffen oder ihren lokalen Gemeinschaften helfen – selbst wenn es sich um weltweite Krisen handelt. Das bestätigen unsere Ergebnisse. In beiden Ländern spendeten die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer an die Wohltätigkeitsorganisation auf der lokalsten Ebene, also in den USA an den Bundesstaat (41 Prozent) und in Italien an die Region ihres Wohnortes (32,9 Prozent). In Italien erfreuten sich die nationalen (26,6 Prozent) und globalen (17,4 Prozent) Wohltätigkeitsorganisationen einer etwas größeren Beliebtheit als in den USA (national 13 Prozent und global 9,33 Prozent). Der starke Fokus auf die Region bestätigt die oben genannte These aus früheren Untersuchungen: Wenn Menschen spenden, ziehen sie es vor, ihre eigene Gemeinschaft zu unterstützen, insbesondere im Kontext von Pandemien.

Die Unterschiede zwischen den Ländern erklären wir uns teilweise dadurch, dass auch die Verantwortlichkeiten für das Krisenmanagement unterschiedlich gehandhabt wurden. Während in den USA im Wesentlichen der jeweilige Bundesstaat Maßnahmen ergriffen hat, wurde in Italien viel auf der nationalen Ebene gesteuert und so auch das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt.

Interessanterweise spendeten in beiden Ländern diejenigen, die eine globale Wohltätigkeitsorganisation wählten, mehr Geld. Auch hier gibt es Ergebnisse früherer Untersuchungen, die zeigen, dass Menschen mit einer kosmopolitischen Einstellung insgesamt großzügiger sind als andere.

Ist internationale Zusammenarbeit auch deshalb so schwierig?

Obwohl wir aus der vorliegenden Studie keine ganz direkten politischen Schlussfolgerungen ziehen können, glauben wir, dass die gewonnenen Erkenntnisse die politische Debatte in mehrere Richtungen lenken können. Unsere Studie zeigt zwar, dass ein beträchtlicher Teil der Menschen bereit ist, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten, doch der größte Teil der Ressourcen wird nach wie vor für sich selbst oder die lokale Gemeinschaft behalten. Viele führende Politikerinnen und Politiker aus aller Welt haben das derzeitige Versagen der multilateralen Politik bei der Bekämpfung der Ausbreitung von Covid-19 beklagt, ganz zu schweigen von der Bewältigung anderer globaler Herausforderungen, die unseren Planeten betreffen.

Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei allen globalen Bemühungen zur Bewältigung der aktuellen und anderer weltweiter Krisen der in unserer Studie beobachtete ausgeprägt parochiale Charakter von prosozialem Verhalten berücksichtigt werden muss.

Zugehörige Publikation

Literatur:

Grimalda, G., N.R. Buchan und O.D. Ozturk (2021). Exposure to COVID-19 Is Associated With Increased Altruism, Particularly at the Local Level. Sci Rep (11) 18950. doi.org/10.1038/s41598-021-97234-2