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Wohlstand ganzheitlich messen: Wissenschaft entwickelt das Recoupling Dashboard

20.02.2020

Um die Fragmentierung unserer Gesellschaften aufzuhalten und unsere Wirtschaft nachhaltig zu gestalten, brauchen wir Richtungsweiser für Politik und Unternehmen, die über das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und den Shareholder Value hinausgehen. Die Messung von Wohlstand im 21. Jahrhundert muss soziale Solidarität und persönliche Befähigung berücksichtigen, ebenso wie ökologische Nachhaltigkeit. Prof. Dennis J. Snower, Präsident der Global Solutions Initiative, und Dr. Katharina Lima de Miranda, Wissenschaftlerin am Kieler Institut für Weltwirtschaft , haben das Recoupling Dashboard entwickelt, eine neue Messung für den ganzheitlichen Wohlstand von Gesellschaften.

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Recoupling Dashboard stellt Menschen ins Zentrum von Politik und Wirtschaft 

„Das Recoupling Dashboard gibt Entscheidern aus Politik und Wirtschaft ein Instrument an die Hand, mit dem sie ganzheitlichen Wohlstand gezielt analysieren und fördern können. Dieser ganzheitliche Wohlstand ist gekennzeichnet durch die Befriedigung grundlegender materieller Bedürfnisse, ein ökologisch nachhaltiges Umfeld sowie eine Gesellschaft, die offen und selbstbestimmt miteinander lebt“, sagt Prof. Dennis J. Snower, Präsident der Global Solutions Initiative. „Dass Wohlstand bislang rein materiell definiert wurde, ist mitverantwortlich für die Entkoppelung von wirtschaftlichem und sozialem Wohlstand – und damit für den zunehmenden Populismus sowie die Gegenreaktionen auf Globalisierung und Multilateralismus.“ 

In ihrer wissenschaftlichen Arbeit Recoupling Economic and Social Progress, erstmals erschienen in der Peer-Review-Fachpublikation Global Perspectives, argumentieren Snower und Lima de Miranda, dass Globalisierung und Digitalisierung ein Gefühl der Entfremdung und Entmachtung erzeugt haben, aus dem sich Populismus und eine “Me-First"-nationalistische Identität entwickelt haben. Trotz des anhaltenden Wirtschaftswachstums weltweit haben viele Menschen Angst vor der Zukunft. Sie fühlen sich zunehmend entmündigt und nehmen wahr, dass ihre Fähigkeit schwindet, ihr Leben selbstständig zu gestalten. Snower und Lima de Miranda betonen in ihrer Analyse die Notwendigkeit einer Neugestaltung unserer Wirtschafts- und Geschäftsmodelle, um nachhaltigen, integrativen und befähigenden gesellschaftlichen Wohlstand zu ermöglichen.   

Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Peter Altmaier, kommentiert: „Neben wirtschaftlichem Wohlstand sind soziale Sicherheit, gesellschaftlicher Zusammenhalt und ökologische Nachhaltigkeit ganz wesentliche Ziele der Sozialen Marktwirtschaft. Das BIP ist zwar ein wichtiger, aber keinesfalls einziger Indikator, der Wohlstand abbildet. Der Ansatz des ‚Recoupling Dashboard‘ kann bei der Bewertung der anderen Ziele wichtige Anhaltspunkte liefern.“

Recoupling Dashboard geht über die Debatte des BIP und des Shareholder Value hinaus 

Neue Bewegungen und politische Initiativen – wie die Fridays for Future-Bewegung, der Europäische „Green Deal“ oder die massive Zunahme der klimapolitischen Berichterstattung – zeigen, dass ein Umdenken stattfindet.

Colm Kelly , Global Tax & Legal Services Leader and Global Purpose Leader, PwC: „Das Recoupling Dashboard ist ein wichtiger Schritt nach vorn und einer, der eine Welt näherbringt, in der die Wirtschaft erneut etwas für die Gesellschaft leistet. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ 

Empirische Ergebnisse: Anstieg des BIP in westlichen Ländern wird begleitet von sozialer Zersplitterung 

In ihrer Analyse der Jahre 2007 bis 2018, zeigen Snower und Lima de Miranda, dass ein Anstieg des BIP in Ländern wie den Vereinigten Staaten, Frankreich, UK und Deutschland, von einer stagnierenden oder sinkenden sozialen Solidarität begleitet wird. Die Vereinigten Staaten sind beispielshaft für diese Entwicklung: Gemessen an ihrem Pro-Kopf-BIP gehört die USA zu den zehn wirtschaftsstärksten Ländern der Welt. Gleichzeitig geht soziale Solidarität in dem Land verloren, und das Gefühl der Menschen, ihr Leben aus eigener Kraft zu gestalten, stagniert. Deutschland verzeichnete einen Anstieg des Pro-Kopf-BIP, erlebte aber gleichzeitig einen Rückgang der ökologischen Nachhaltigkeit. Die Schweiz, Luxemburg, Neuseeland und Island sind in der 2018erAnalyse besonders stark in den sozialen Dimensionen des Recoupling Dashboards.   Snower fügt hinzu: „Entscheider aus Politik und Wirtschaft wurden vom zunehmenden Populismus überrascht, da sie nicht-monetäre soziale Phänomene wie Entmachtung oder Entfremdung fälschlicherweise für rein monetäre Phänomene wie steigende Ungleichheit und sinkende wirtschaftliche Mobilität hielten. Unser Recoupling Dashboard zeigt jedoch, dass Pro-Kopf-BIP und Ungleichheit – so wichtig sie auch sind – nur unvollständige Indikatoren für sozialen Wohlstand sind.“ 

Recoupling Dashboard präsentiert neue Indizes, um sozialen Wohlstand zu messen           

Das Recoupling Dashboard schlägt die Messung von Wohlstand anhand von vier Indizes vor: Solidarität (S - Solidarity), Handlungsfähigkeit (A - Agency), materieller Gewinn (G – GDP per capita) und ökologische Nachhaltigkeit (E – Environmental Performance), kurz: SAGE. Alle vier Dimensionen vereint, ermöglichen einen ganzheitlichen Ansatz für die Gestaltung von Politik und Unternehmen. Solidarity und Agency sind neue Messgrößen, die von nun an jährlich in zahlreichen Ländern neben dem Pro-Kopf-BIP und der Umweltleistung gemessen werden können. Solidarity umfasst die Bedürfnisse der Menschen als soziale Wesen mit dem Wunsch nach sozialer Zugehörigkeit. Handlungsfähigkeit, bezeichnet als Agency, beinhaltet die Befähigung des Einzelnen und umfasst das Bedürfnis, das eigene Schicksal durch eigene Anstrengungen zu beeinflussen.

Dr. Katharina Lima de Miranda , Wissenschaftlerin am Kieler Institut für Weltwirtschaft, erklärt: „Das Recoupling Dashboard bildet die Grundlage eines umfassenden Forschungsinstruments und ermöglicht die Analyse von sozialer Fragmentierung und Zusammenhalt. Nur wenn alle vier Dimensionen im Einklang sind, ist ganzheitlicher Fortschritt möglich, der wirtschaftliche, soziale und ökologische Dimensionen berücksichtigt.“

Alle Zahlen, länderübergreifende Analysen und historische Vergleiche des Recoupling Dashboard können unter www.recoupling-dashboard.org eingesehen werden. Das Recoupling Dashboard wird auf dem Global Solutions Summit am 20. und 21. Apri l 2020 in Berlin/Deutschland vorgestellt und jährlich veröffentlicht.

Akkreditierung zum Global Solutions Summit 2020 (20. und 21. April 2020, ESMT, Berlin)  

Beim Global Solutions Summit kommen jährlich internationale Forschungsorganisationen, Vordenker und Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um Lösungen für die größten globalen Probleme zu diskutieren. Zu den Hauptthemen des diesjährigen Gipfels gehören: Multilateralismus, Klimawandel, Investitionen in Infrastruktur und mehr. Zur Medienakkreditierung  

Die Global Solutions Initiative ist ein weltweites Think Tank-Netzwerk, das forschungsbasierte Politikempfehlungen für globale Probleme gibt, die von der G20, der G7 und anderen globalen Governance-Foren adressiert werden. Die Politikempfehlungen und strategischen Visionen werden durch führende Forschungsinstitutionen formuliert und in politischen Dialogen zwischen Wissenschaftlern, politischen Entscheidungsträgern, Entscheidern der Wirtschaft und Vertretern der Zivilgesellschaft ausgearbeitet. Die Global Solutions Initiative unterstützt den Think20-Prozess und berät die G20-Präsidentschaften. www.global-solutions-initiative.org

Das IfW Kiel ist Research Coordinator der Global Solutions Initiative.

Die wissenschaftlichen Grundlagen zum Recoupling Dashboard lesen Sie hier:

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