Seit der Jahrtausendwende hat China im Rahmen seiner "going out"-Politik sein Engagement in Afrika stark ausgebaut. Dies ist auf dem gesamten afrikanischen Kontinent sichtbar und gilt für bilaterale Handelsbeziehungen, Auslandsinvestitionen, Entwicklungshilfe und die Einwanderung chinesischer Arbeitskräfte. Während die Wirtschaftstheorie einen Netto-Nutzen von verstärktem Wettbewerb und globaler Integration nahelegt, werden die chinesischen Aktivitäten häufig wegen ihrer potenziell negativen Folgen für afrikanische Länder und ihre Bevölkerung kritisiert.

Dieses Forschungsprojekt (eine gemeinsame Aktivität der Universität Göttingen und des Instituts für Weltwirtschaft) zielt darauf ab, ein neues Licht auf die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen von Chinas Engagement in Afrika entlang aller Schlüsseldimensionen – Handel, Investitionen, Entwicklungshilfe, Verschuldung und Migration – zu werfen und auch ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, wie Chinas Präsenz von afrikanischen Bürgerinnen und Bürgern wahrgenommen wird. Während sich ein Großteil der bisherigen Forschung auf länderübergreifende Regressionsanalysen und Fallstudien konzentriert, liefern wir neuartige empirische Erkenntnisse, indem wir rigorose ökonometrische Ansätze auf der Ebene subnationaler Regionen und einzelner Bürgerinnen und Bürger verwenden, die durch experimentelle und umfragebasierte Methoden ergänzt werden. Angesichts der Tatsache, dass bis zum Jahr 2030 bis zu 90 Prozent der Armen der Welt in Afrika leben werden, ist das Verständnis der Auswirkungen von Chinas Engagement aus entwicklungspolitischer Sicht von zentraler Bedeutung.

Das Projekt gliedert sich in sechs Arbeitspakete:

Arbeitspaket 1: Entwicklungseffekte des chinesischen Handels mit Afrika

Zunächst betrachten wir die unterschiedlichen Implikationen des Handels auf die subnationale Wohlfahrt. Um die heterogenen Effekte in afrikanischen Regionen messen zu können verbinden wir die Nachfrage mit lokalen Produktionskapazitäten. Die landwirtschaftliche Eignung, Ölfelder und Bergbaustandorte sind dabei von Bedeutung. Anschließend bewerten wir, wie sich exogene Handelsverlagerungen auf die regionale Wirtschaftsaktivität - gemessen durch nächtliche Lichtemissionen - auswirken. Wir triangulieren diese Ergebnisse mit individuellen sozioökonomischen Charakteristika basierend Informationen aus Demografie- und Gesundheitsumfragen über das Haushaltsvermögen, die Gesundheit, und die Bildung. Anschließend untersuchen wir, wie sich Handelsbeziehungen mit China auf die Aussichten afrikanischer Partner auswirken, globale Rezessionen zu überstehen. Während die chinesische Nachfrage afrikanische Ökonomien stabilisieren kann, wenn traditionelle Handelspartner in Wirtschaftskrisen geraten, sind afrikanische Exporte andererseits vermehrt Fluktuationen in der chinesischen Nachfrage ausgesetzt. Um die relative Bedeutung dieser gegensätzlichen Dynamiken bewerten zu können, verwenden wir eine Identifikationsstrategie, die globale Importe von Partnerländern mit den anfänglichen Anteilen afrikanischer Partner an diesen Handelsströmen verbindet.

Arbeitspaket 2: Chinesische Direktinvestitionen in Afrika: Effekte im In- und Ausland

Ziel dieses Arbeitspaketes ist es, detaillierte Evidenz zu liefern, welche die Vielfalt der Investitionen berücksichtigt. Wir verwenden bei unseren Untersuchungen Daten des chinesischen Handelsministeriums. Dieses stellt auf der Unternehmensebene Informationen zu behördlich genehmigten chinesischen Investitionen in Afrika bereit. Um die Auswirkungen solcher Investitionen auf die wirtschaftliche Entwicklung im Gastland zu analysieren, wenden wir zwei Ansätze an. Erstens verwenden wir individuelle DHS-Daten, um sozioökonomische Wirkungen zu erfassen. Zweitens greifen wir auf Daten aus Unternehmensbefragungen der Weltbank zurück. Wir verknüpfen diese Daten mit Informationen auf Unternehmensebene aus den Annual Reports of Industrial Enterprise. Schließlich führen wir eingehende Unternehmensbefragungen mit Partnern in ausgewählten afrikanischen Ländern durch. Damit verfolgen wir das Ziel, detailliertere Erkenntnisse über die Merkmale und das Verhalten der ausländisch geführter Multinationals zu erlangen, wobei ein Hauptaugenmerk auf der Unterscheidung chinesischer und europäischer Multinationals liegt.

Arbeitspaket 3: Die Effekte chinesischer Entwicklungshilfe auf den afrikanischen Handel und europäische Entwicklungspolitik

Wir untersuchen erstens, inwieweit chinesische Hilfeleistungen die afrikanischen Importe und Exporte ankurbeln. Wir nutzen den Instrumental-Variablen-Ansatz von Bluhm et al. (2018), um die kausalen Auswirkungen von Hilfeleistungen auf Exporte und Importe sowohl auf Länderebene als auch auf subnationaler Ebene zu ermitteln. Wir testen dabei ebenfalls, ob chinesische Hilfe Handel mit anderen Partnern begünstigt oder zu Handelsumlenkung führt. Zweitens gehen wir von der Annahme aus, dass der Wettbewerb zwischen Gebern ausländischer Hilfeleistungen die Nachhaltigkeit und die Qualität der Hilfe untergraben könnte. Wir untersuchen die Auswirkungen des ,,China-Wettbewerbs‘‘ auf die Konditionalität und den Zeithorizont des Engagements europäischer Geber. Auch Verschiebungen in den sektoralen Portfolios der europäischen Geberländer hin zu mehr Infrastrukturprojekten als mögliche Reaktion auf den chinesischen Wettbewerb werden analysiert.

Arbeitspaket 4: Chinesische Kreditvergabe und Schuldenerlass in Afrika – Ergebnisse und Bedingungen

In diesem Arbeitspaket untersuchen wir die Implikationen der chinesischen Kreditvergabe an Afrika aus der Perspektive der Empfängerländer. Ein besonderer Schwerpunkt liegt darauf, was passiert, wenn Länder ihre Schulden gegenüber China nicht mehr bedienen können. Aufbauend auf früheren Arbeiten analysieren wir das Auftreten, den Umfang und die Auswirkungen von Schuldenerleichterungen auf die Entwicklung messen, indem wir auf unseren früheren Arbeiten aufbauen. Neuartig ist hierbei die Analyse chinesischer Schuldenerleichterungen in Afrika, die trotz einer großen Anzahl an Fällen kaum erforscht sind. Wir planen, einen neuen Datensatz aus einer Vielzahl von Quellen zu erstellen. Viele dieser Quellen haben wir in den letzten drei Jahren gesammelt, wobei auch Quellen in chinesischer Sprache berücksichtigt werden. Wir werden ebenfalls die bevorstehenden Aktualisierungen des AidData-Datensatzes und Informationen bezüglich chinesischer Umstrukturierungen im Zuge der Covid19-Pandemie berücksichtigen.

Arbeitspaket 5: Auswirkungen chinesischer Investitions- und Hilfsprojekte auf das Verhalten und die Wahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger vor Ort

In diesem Arbeitspaket wollen wir die Verhaltensreaktionen der Bürgerinnen und Bürgern vor Ort auf chinesische Investitionsprojekte sowie ihre Unterstützung für chinesische Hilfe durch Feldexperimente analysieren. Zum einen werden wir untersuchen, wie sich das prosoziale Verhalten lokaler Arbeiterinnen und Arbeiter verändert, wenn sie bei chinesischen Bergbauunternehmen in Sambia angestellt sind. Mit Hilfe von experimentellen Methoden werden wir die Reziprozität lokaler Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von chinesischen und nicht-chinesischen Bergbauunternehmen am Arbeitsplatz vergleichen. Um Kausalität sicherzustellen, werden wir die Rahmenbedingungen dieser experimentellen Aufgaben zufällig und systematisch variieren. Die zweite Studie wird einen experimentellen Ansatz verfolgen, um zu untersuchen, ob die unterschiedlichen Ansätze der Umsetzung von Hilfeleistungen der EU und Chinas zu unterschiedlichen Einstellungen gegenüber Gebern und ihren Projekten innerhalb der Bevölkerung führen.

Arbeitspaket 6: Ansichten zur chinesischen Einwanderung

Für Subsahara-Afrika fehlen bislang quantitative Belege für die Haltung der Bevölkerung gegenüber Einwanderung. Dieses Arbeitspaket stellt die ersten rigorosen Studien vor und verwendet dabei Mikrodaten, die es ermöglichen, viele Merkmale auf individueller Ebene zu kontrollieren. In der ersten Studie analysieren wir, ob die Anwesenheit chinesischer Migrantinnen und Migranten einen Einfluss auf das Bild von Einwanderern und von China allgemein ausübt. In der zweiten Studie betrachten wir die vorliegenden Mechanismen anhand von Daten aus Uganda und Senegal detaillierter. Aufbauend auf Haushaltsbefragungen, die wir im Rahmen des MEDAM Projekts (Mercator Dialogue on Asylum and Migration) durchführen, werden wir zusätzlich ein Umfragemodul hinzufügen. Dieses Modul dient der Erfassung der Haltungen gegenüber unterschiedlichen Qualifikationsniveaus chinesischer und nicht-chinesischer Einwanderer in Uganda und Senegal. Auf diese Weise sind wir in der Lage, die unterschiedlichen Auswirkungen von Wettbewerb und wirtschaftlichen Spillover-Effekten auf die Einstellung der Einheimischen gegenüber Einwanderern unterschiedlicher Herkunft zu erfassen.

Unsere externen Projektpartner:

Krisztina Kis-Katos und Lennart Kaplan (Universität Göttingen)

  1. Journal Article

    Hidden Defaults

    American Economic Review Papers& Proceedings
    05/2022
    Sebastian Horn, Carmen M. Reinhart, Christoph Trebesch

    China's lending boom to developing countries is morphing into defaults and debt distress. Given the secrecy surrounding China's loans, the...