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24.10.2017
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Geschichte

 

Der Wirtschaftswissenschaftliche Club
am Institut für Weltwirtschaft

 

 

Der Club bis 1945 *

Der Club wurde am 10. November 1920 auf Initiative von Professor Bernhard Harms als „Wissenschaftlicher Klub" des damaligen Instituts für Weltwirtschaft und Seeverkehr (IfW) gegründet, d.h. mehr als sechseinhalb Jahre nach dem Institut; vermutlich ist an diesem Tag die erste Satzung des Clubs verabschiedet worden. Nach den Vorstellungen von Harms sollte der Wissenschaftliche Klub die Dozenten der Universität, die wissenschaftlichen Mitarbeiter des IfW und die studierenden Mitglieder des Instituts zu einem regelmäßigen Gedanken- und Erfahrungsaustausch zusammenführen und ihnen zur Pflege persönlicher Beziehungen Gelegenheit geben (Vorwort von Harms zum ersten Kieler Vortrag von Anfang 1921). 

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Angestrebt wurde eine enge Verbindung von Theorie und Praxis. Der Wissenschaftliche Klub sollte ein Vortrags- und Diskussionsforum sowie Begegnungsstätte sein. Im Mittelpunkt der Aktivitäten standen dabei die Vorträge, die als „Kieler Vorträge" sehr schnell das Institut weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt machten. Der Wissenschaftliche Klub war damals ein integrierter Teil des Instituts. So war der Direktor des Instituts kraft Amtes Vorsitzender des Vorstands des Klubs; d.h. bis 1933 Bernhard Harms und danach von 1934 bis 1945 Andreas Predöhl; dem Vorstand gehörten außerdem neben dem stellvertretenden Direktor und dem Justitiar des Instituts Vertreter der Universitätsdozenten und der beamteten Mitglieder des Instituts an; außerdem waren die Studenten — soweit sie am Institut assoziiert waren, im Vorstand präsent.

Was die Kieler Vorträge betrifft, so begannen diese Aktivitäten Anfang 1921 mit Vorträgen von Franz Oppenheimer (bekannter Philologe) über „Die psychologische Wurzel von Sittlichkeit und Recht" und von Heinrich Fillmann: „Aus der Praxis eines deutschen Industriellen aus der Nachkriegszeit". Danach rückten mehr weltwirtschaftliche Themen in den Vordergrund, so über die Ausgestaltung der Zollsysteme, internationale Währungsfragen, Probleme der Handelspolitik, Konjunktur und Wirtschaftsstruktur, Schiffahrtspolitik, kontinentale Wanderungen und die internationale landwirtschaftliche Arbeitsteilung. Als Vortragende konnten renommierte Wissenschaftler und Wirtschaftspolitiker aus dem In- und Ausland gewonnen werden, so u.a. Sven Helander, Max Sering, Fritz Beckmann, Albert Hahn, Werner Sombart, Hans Luther und Jürgen Petersen.

Im Klub wurden, nachdem sich im April 1926 die Abteilung für statistische Weltwirtschaftskunde und internationale Konjunkturforschung etabliert hatte (erster Leiter: Adolph Löwe, danach Gerhard Colm) auch Ergebnisse von Forschungsarbeiten des Instituts zur Diskussion gestellt. Um in den dreißiger und vierziger Jahren die wissenschaftliche Unabhängigkeit nicht zu gefährden, bevorzugte man bei der Auswahl der Vorträge zunehmend unverfängliche Themen, die vor allem Entwicklungstendenzen der Wirtschaft und der Wirtschaftspolitik im Ausland zum Gegenstand hatten. Referenten waren hier vorrangig ausländische Wirtschaftswissenschaftler. Von den gehaltenen Vorträgen sind bis Ende 1944 74 Vorträge veröffentlicht worden; die Gesamtzahl der Klubvorträge ist aber wesentlich größer gewesen.

Kollegienhaus

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Neben den Vorträgen und den sich anschließenden eingehenden Diskussionen sind als weitere wichtige Aktivitäten des Wissenschaftlichen Klubs die gesellschaftlichen Veranstaltungen zu nennen. Mitglieder des Klubs und eingeführte Gäste trafen sich auch außerhalb der Vortragsveranstaltungen zu Gesprächen und zu geselligem Beisammensein, die oft feuchtfröhlich ausklangen. Friedrich Hoffmann berichtet, daß sich nach den Vorträgen und Diskussionen oft ein ausgelassenes Gelage von Scherz und Anulkerei entfaltete. An alkoholischen Getränken dürfte es dabei nicht gemangelt haben, nachdem im Juni 1921 dem Direktor des Instituts die Schankerlaubnis erteilt worden war. Der „Weltwirt" Harms, wie er sich gelegentlich selbst bezeichnete, fungierte so zeitweilig als der „Gastwirt".

Lesezimmer

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Für die vielfältigen Aktivitäten des Klubs bot das damalige Kollegienhaus des Instituts den passenden Rahmen. Anfang des Jahres 1919 hatte die Förderungsgesellschaft des IfW von der Friedrich Krupp AG für 1,25 Mio. Mark das Clubgebäude des Kaiserlichen Yachtclubs (das spätere Kollegienhaus) sowie das Logierhaus (das spätere Studienhaus) erworben. Das Kollegienhaus war fast ausschließlich den Veranstaltungen des Wissenschaftlichen Klubs vorbehalten. Wie großzügig und feudal darin die Clubräume, insbesondere das Lesezimmer, das Flensburger Zimmer und die Kajüte ausgestattet waren, ist auf zahlreichen Photographien nachgewiesen; im Lesezimmer des Clubs gab es auch eine Handbibliothek, die immerhin 7 000 Bände umfaßte.

Für die vielfältigen Veranstaltungen galt damals ein strenges Reglement. Zu nennen ist vor allem die Zugangsbeschränkung. Die „heiligen Hallen" des Klubs durften nur von Mitgliedern, den Dozenten der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät und formal eingeführten Gästen betreten werden; freien Zugang hatten auch die Mitglieder des Vorstands und des Verwaltungsrates der Förderung (der Financiers).

Großer Saal

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Was die Beteiligung der Damen betrifft, so hatte man offensichtlich ein gestörtes Verhältnis zu diesen. Nach 20.00 Uhr wurde die Anwesenheit von Damen nicht mehr geduldet, weil — wie berichtet wird — in den Gesprächen die Gefahr des Abgleitens aus dem objektiv wissenschaftlichen Bereich bestand. Laut Satzung waren die Ehefrauen der Clubmitglieder nur an Sonn- und Feiertagen als Gäste willkommen; davon erhoffte man sich, daß den Studenten die Anknüpfung von Familienbeziehungen erleichtert wurde.

Das weitreichende und überaus erfolgreiche Wirken des Wissenschaftlichen Klubs — bei starkem Engagement der Direktoren — endete im Verlauf des Jahres 1944. Im Juli des Jahres wurde bei einem verheerenden Luftangriff das Kollegienhaus weitgehend zerstört und das Studienhaus sehr stark beschädigt. Fast alle Abteilungen des Instituts siedelten nun nach Ratzeburg über.

Der Wirtschaftswissenschaftliche Club nach 1945

Ein neuer Entwicklungsabschnitt begann nach Kriegsende mit der Neugründung des Clubs. Bereits 1948/49 konstituierte sich eine studentische Gruppe — nunmehr als „Wirtschaftswissenschaftlicher Club" (WWC). In Kenntnis der positiven Erfahrungen mit dem Vorkriegsclub ging es den Studenten vor allem darum, in eigener Regie Vorträge, Diskussionen und Unternehmensbesichtigungen durchzuführen, um Informationsdefizite abzubauen, Einblicke in die Wirtschaftspraxis zu gewinnen und die zwischenmenschlichen Beziehungen zu fördern. Die begrüßenswerten studentischen Initiativen stießen indessen bald an Grenzen. Zunehmende Sorge bereitete die Referentenfrage, da die Mitgliedsbeiträge nicht ausreichten, angemessene Honorare und Unkostenentschädigungen zu zahlen. Auf Drängen der Studentenschaft kam es deshalb Anfang 1952 zur Gründung des umfassenden Wirtschaftswissenschaftlichen Clubs am Institut für Weltwirtschaft ( nicht mehr des Instituts). Der neue Club unterschied sich in seiner Struktur deutlich von der Vorkriegsvereinigung:

    1. Mitglied konnten nun auch externe Personen aus der Verwaltung und dem Wirtschaftsleben werden.
    2. Der Vorstand setzte sich aus dem Institutsdirektor als Präses, einem Vertreter der wirtschaftswissenschaftlichen Ordinarien (anfangs war dies Erich Schneider), dem Leiter der Redaktionsabteilung des IfW, zwei Vertretern der studentischen Gruppe und aus einer Persönlichkeit aus dem Unternehmensbereich zusammen (Direktor Gerhard Wolf von der ELAC).
    3. Der Zugang zu den Clubveranstaltungen war generell frei für Gäste, es bedurfte nicht mehr der aufwendigen Einführung wie in der Vorkriegszeit.
    4. Anders als in der Vorkriegszeit existierte — bis etwa Mitte der sechziger Jahre — innerhalb des Gesamtclubs eine überaus aktive studentische Gruppe mit voller Autonomie.

Auch im neuen Club spielten Vorträge und Diskussionen eine zentrale Rolle; sie trugen ganz wesentlich zur Außenwirkung des IfW bei. Bis zum Beginn der Direktorenschaft von Erich Schneider wurde dazu allein vom Wirtschaftswissenschaftlichen Club eingeladen, obwohl die Finanzierung größtenteils aus Institutsmitteln erfolgte. Danach waren das IfW und der WWC gemeinsam Veranstalter. Zu den repräsentativen Vorträgen kamen herausragende Wirtschaftswissenschaftler, Wirtschaftspolitiker und Wirtschaftspraktiker an die Förde, um neuere Erkenntnisse zur Diskussion zu stellen und wirtschaftspolitische Vorschläge darzulegen. Die Vortragsthemen hatten zumeist aktuellen Bezug und fanden überwiegend große Resonanz. Hinzuweisen ist hier u.a. auf die Vorträge von Josef Abs, Karl Schiller, Fritz Neumark, Gunnar Myrdal und Herbert Giersch. Den Vorträgen schlossen sich zumeist eingehende Diskussionen im Haus Welt-Club an.

Die Clubaktivitäten erstreckten sich außerdem auf:

    • die Durchführung eines internationalen Studienseminars im Mai 1952, auf dem die Professoren Erich Schneider, Andreas Predöhl, Gerhard Mackenroth und Michael Freund in Vorlesungen und Seminaren Spezialprobleme ihres Fachs und eigene Forschungsergebnisse vortrugen; 
    • auf Stiftungsfeste und Sommerfeste im Haus Welt-Club und 
    • auf Liederabende, so im Mai 1970 mit Rüdiger Soltwedel, Martin Flicker und Nils Krämer.

Die vom Institut dem Wirtscha ftswissenschaftlichen Club bis Anfang der sechziger Jahre zur Verfügung gestellten Räume nahmen sich — verglichen mit dem was einmal war — relativ bescheiden aus. Es handelte sich um zwei Räume im Erdgeschoß des Instituts, die aber immerhin mit clubeigenem Mobiliar ausgestattet waren. Dieses stammte aus einer großzügigen Schenkung von Theodor Sehmer in den fünfziger Jahren. Sehmer war einer der ersten Doktoranden von Bernhard Harms, er ist im Januar 1953 zum Ehrenpräses des Clubs ernannt worden. Neben ihm wurde noch Andreas Predöhl diese Ehrung zuteil (Februar 1954).

Etwa ab Mitte der sechziger Jahre schloß sich an die Nachkriegsperiode mit überaus umfangreichen und vielfältigen Aktivitäten des Clubs ein Zeitraum an, der durch relativ wenige eigenständige Clubveranstaltungen geprägt war. Nach der Auflösung der studentischen Gruppe (etwa Mitte der sechziger Jahre), die in ihrer besten Zeit (etwa Mitte der fünfziger Jahre) rund 150 Mitglieder hatte (ergänzend 225 andere Mitglieder), ging die Zahl der Clubmitglieder tendenziell stark zurück.

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* Verkürzte Fassung eines Vortrags von Dr. Martin Hoffmeyer, gehalten anläßlich der Feier zum 75-jährigen Bestehen des Wirtschaftswissenschaftlichen Clubs am 10. November 1995