Keine Angst vor Arbeitnehmern aus der EU
Die Integration der europäischen Arbeitsmärkte hatte bislang weitgehend ohne Deutschland stattgefunden. Als letztes Land der EU-15 musste Deutschland zum 1. Mai 2011 seinen Arbeitsmarkt für Arbeitskräfte aus fast allen mittel- und osteuropäischen Beitrittsländern öffnen. Die mögliche Zuwanderung wurde bislang als akute Gefahr für die deutschen Arbeitnehmer angesehen, denen Lohndumping und Arbeitslosigkeit drohe. Der Gedanke an flächendeckende Mindestlöhne als Bollwerk gegen eine Überflutung des deutschen Arbeitsmarktes mit „Billiglöhnern“ aus dem Osten lag daher nahe. Die Kieler Ökonomen Hans H. Glismann und Klaus Schrader zeigen in ihrem aktuellen Beitrag für die Mai-Ausgabe der Zeitschrift „Wirtschaftsdienst“, dass Deutschland die Chancen der Arbeitnehmerfreizügigkeit nutzen und den europäischen Wettbewerb um knappe Fachkräfte annehmen sollte.
Vor dem Hintergrund ihrer Analyse erscheinen Ängste vor einer Überflutung des deutschen Arbeitsmarkts mit osteuropäischen Zuwanderern zum Nachteil der deutschen Arbeitnehmer unbegründet. Insbesondere das Beispiel des Vereinigten Königreichs, das bisherige Hauptaufnahmeland, macht deutlich, dass Arbeitnehmer aus den Beitrittsländern helfen, konjunkturbedingte Arbeitskräfteknappheiten zu beseitigen und den chronischen Arbeitskräftemangel in einigen Branchen einzudämmen. Diese Arbeitskräfte werden in der Regel zu Konditionen oberhalb des britischen Mindestlohns beschäftigt, der zeitweise bis zu 8 Euro betrug. Damit wurde auch eine Orientierungsmarke für flexible und kulturell mobile Zuwanderer vorgegeben. Ein wesentlich niedrigerer Stundenlohn wäre daher kein Zuwanderungsanreiz für geeignete Arbeitskräfte aus den Beitrittsländern — vielmehr wäre ein höheres Lohnniveau ein Signal für die Attraktivität des Standorts D.
Die Autoren betonen, dass der Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte angesichts demographisch bedingter Knappheiten, auch in den Beitrittsländern, weiter an Schärfe gewinnen dürfte. Deutsche Unternehmen müssen sich vor diesem Hintergrund verstärkt um eine leistungsgerechte Entlohnung bemühen statt auf Lohndumping zu hoffen. Und die Politik sollte bedenken, dass die Setzung von Mindestlöhnen immer eine Gratwanderung ist: Mindestlöhne, die zu hoch angesetzt werden, führen zu einem Abbau von Arbeitsplätzen und diskriminieren dabei nicht zwischen deutschen und zugewanderten Arbeitnehmern. Die deutsche Politik wäre daher gut beraten, konstruktiv am Aufbau eines europäischen Arbeitsmarktes ohne neue nationale Barrieren mitzuwirken – Ausgrenzung, egal mit welchen Mitteln, würde dem Standort D langfristig schaden.
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Dr. Klaus Schrader
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