Sections
Personal tools
02.09.2010
 
 
Document Actions

Deutschland: Konjunkturelle Erholung setzt sich in verlangsamtem Tempo fort - Gefahr eines Rückschlags durch die Schuldenkrise


ifw_logo_small.jpg Pressemitteilung vom 17. Juni 2010


In den vergangenen Monaten haben sich die Frühindikatoren deutlich verbessert. Die konjunkturelle Dynamik dürfte in der ersten Jahreshälfte deutlich höher gewesen sein, als von uns im vergangenen März geschätzt wurde. Für das Jahr 2010 insgesamt prognostizieren wir einen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts um 2,1 Prozent (Prognose im März: 1,2 Prozent). Die Zunahme im Jahr 2011 setzen wir mit 1,2 Prozent deutlich niedriger an als in unserer Prognose vom März (1,8 Prozent), vor allem weil die Finanzpolitik im kommenden Jahr dämpfend wirkt und sich die Weltkonjunktur stärker abschwächt als bisher erwartet. Die Zahl der Arbeitslosen wird weiter spürbar sinken.

Die konjunkturelle Erholung in Deutschland hat sich im Winterhalbjahr 2009/2010 fortgesetzt, wenn auch in nur moderatem Tempo. Im Frühjahr dürfte sich die Expansion jedoch spürbar beschleunigt haben. Darauf deuten wichtige Frühindikatoren hin, die sich in den vergangenen Monaten erheblich verbessert haben. In jüngster Zeit haben allerdings auch die Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung zugenommen. Im Zusammenhang mit den Turbulenzen an den Finanzmärkten und den Budgetproblemen einiger Staaten im Euroraum gerieten die Aktienkurse zeitweise unter Druck, und die Volatilität an den Finanzmärkten nahm zu. Die hohe Staatsverschuldung in den Industrieländern allgemein stellt wohl das größte Risiko für Konjunktur und Wachstum dar.

In den vergangenen Monaten haben sich die Stimmungsindikatoren deutlich verbessert, und die Auftragseingänge und die Produktion in der Industrie legten in jüngster Zeit erheblich zu. All dies spricht dafür, dass die konjunkturelle Dynamik in der ersten Jahreshälfte deutlich höher war, als von uns im vergangenen März eingeschätzt wurde. Für das zweite Quartal rechnen wir nunmehr mit einem Plus bei der gesamtwirtschaftlichen Produktion von 5,8 Prozent (laufende Jahresrate). Dabei ist berücksichtigt, dass die Bauwirtschaft den witterungsbedingten Produktionsausfall im ersten Quartal größtenteils wettmachen wird. Für das Jahr 2010 insgesamt prognostizieren wir einen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts um 2,1 Prozent. Dies bedeutet eine deutliche Aufwärtskorrektur. Dabei spielt auch eine Rolle, dass die Ausgangsbasis infolge der Revision der Zahlen durch das Statistische Bundesamt nun etwas höher ist.

Ausblick: Verhaltene Expansion als wahrscheinliches Szenario

Im weiteren Verlauf des Jahres 2010 dürfte sich das Tempo der Erholung jedoch deutlich abflachen. Hierfür spricht vor allem, dass die weltwirtschaftliche Expansion ihren Höhepunkt überschritten haben dürfte; somit werden die Impulse aus dem Ausland nachlassen. Dabei ist besonders bedeutsam, dass die Nachfrage im übrigen Euroraum nur sehr verhalten zulegen wird, da einige Länder einen ausgeprägten Restriktionskurs in der Finanzpolitik eingeschlagen haben oder einschlagen werden.

Die Inlandsnachfrage dürfte in diesem Jahr in Deutschland spürbar zunehmen. Zum Teil ist dies auf die Impulse seitens der Finanzpolitik zurückzuführen. So wird die Baukonjunktur weiterhin angeregt, und die privaten Haushalte wurden steuerlich entlastet. Daneben ist das Zinsniveau ausgesprochen niedrig, die langfristigen Zinsen sind zuletzt sogar nochmals gesunken, auch als Folge der Turbulenzen an den Finanzmärkten im Euroraum. Dies dürfte vor allem die Nachfrage nach Wohnbauten stützen. Die Unternehmensinvestitionen werden wohl nur sehr moderat zunehmen. Vor dem Hintergrund der immer noch geringen Kapazitätsauslastung sind Erweiterungsinvestitionen nicht in größerem Umfang zu erwarten. Gegen Jahresende dürften die Käufe von Ausrüstungsgütern allerdings spürbar zulegen, da die günstige Abschreibungsregelung ausläuft. Entsprechend werden sie danach abnehmen. Der Außenhandel wird, anders als im vergangenen Jahr, wieder einen positiven Wachstumsbeitrag leisten. Alles in allem erwarten wir für 2010 einen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts um 2,1 Prozent. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird sich im Jahresverlauf weiter verbessern. Im Durchschnitt dürfte die Zahl der Arbeitslosen bei rund 3,2 Mill. Personen liegen. Der Preisauftrieb bleibt moderat, die Inflationsrate wird 2010 wohl 1,3 Prozent betragen. Das Budgetdefizit des Staates wird sich auf 4,5 Prozent (in Relation zum Bruttoinlandsprodukt) erhöhen.

Im kommenden Jahr wird das reale Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich um nur 1,2 Prozent zunehmen. Das Expansionstempo dürfte auch deshalb geringer ausfallen, weil die Konjunkturprogramme auslaufen und Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung umgesetzt werden. Der Außenhandel dürfte keinen nennenswerten Beitrag zum Anstieg des Bruttoinlandsprodukts leisten. Zwar werden die deutschen Exporte etwa in dem Tempo zunehmen wie der Welthandel; die Importe dürften aber noch etwas schneller expandieren. Stütze der Konjunktur wird zunehmend die Inlandsnachfrage. Die Unternehmensinvestitionen werden moderat ausgeweitet, auch gestützt von den niedrigen Zinsen. Gleiches gilt für die Wohnungsbauinvestitionen. Der private Konsum wird durch die sich weiter verbessernde Lage auf dem Arbeitsmarkt angeregt. Gleichwohl werden die real verfügbaren Einkommen nur wenig steigen. Im Jahresdurchschnitt ist mit einer Zahl der Arbeitslosen von rund 2,95 Mill. Personen zu rechnen; dies wäre der niedrigste Stand seit 1991. Die Inflationsrate dürfte leicht auf 1,2 Prozent zurückgehen. Mit der erwarteten Kursänderung in der Finanzpolitik wird sich auch das Budgetdefizit des Staates verringern und 4,0 Prozent (in Relation zum Bruttoinlandsprodukt) betragen.

Tabelle: Eckdaten zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland 2008–2011

 200820092010a2011a
Bruttoinlandsprodukt (BIP)b1,3-4,92,11,2
Erwerbstätige im Inlandc40 27940 26540 37740 542
Arbeitslosec  3 268  3 423  3 199  2 952
Verbraucherpreised2,6 0,3 1,3 1,2
Finanzierungssaldo des Staates in Prozent des BIP0,0-3,1-4,4-4,0
Schuldenstand in Prozent des BIP66,0 73,175,778,0
aPrognose vom Juni 2010. — bIn Vorjahrespreisen, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent. — c1000 Personen. — dPreisindex für die Lebenshaltung aller privaten Haushalte, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent.

 

Kurzfassung Kieler Diskussionsbeitrag 481/482 von Alfred Boss, Jonas Dovern, Dominik Groll, Carsten-Patrick Meier, Björn van Roye und Joachim Scheide „Deutschland: Konjunkturelle Erholung setzt sich in verlangsamtem Tempo fort – Gefahr eines Rückschlags durch die Schuldenkrise".

Fachliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Joachim Scheide
Tel: 0431-8814-264

Dr. Carsten-Patrick Meier
Tel: 0431-5303496