Weltkonjunktur in unruhigem Fahrwasser
Medieninformation vom 14. Juni 2012
Die Weltkonjunktur befindet sich zur Jahresmitte wieder in einer Phase sehr verhaltener wirtschaftlicher Expansion; die Aufhellung der Perspektiven, zu der es gegen Ende 2011 und in den ersten Monaten des laufenden Jahres kam, war offenbar von kurzer Dauer. Belastungen gehen zurzeit insbesondere von der erneuten Zuspitzung der Staatsschuldenkrise im Euroraum aus. Für die Prognose unterstellen wir, dass sich die Anspannungen an den Finanzmärkten allmählich wieder verringern. Entlastend wirkt der spürbare Rückgang des Ölpreises. So haben wir unsere Prognose vom Frühjahr nur unwesentlich revidiert. Wir erwarten für das laufende Jahr nach wie vor eine Verlangsamung des Anstiegs der Weltproduktion auf 3,4 Prozent. Angesichts einer schwachen Konjunktur in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften – der Euroraum befindet sich sogar in der Rezession – hat sich auch die Dynamik in den Schwellenländern spürbar verringert. Im nächsten Jahr dürfte sich die weltwirtschaftliche Expansion wieder verstärken, bei einem Zuwachs von 3,8 Prozent (Märzprognose: 3,9 Prozent) bleibt sie aber moderat.
Die Weltwirtschaft expandierte im Frühjahr 2012 wieder sehr verhalten. Die Aufhellung der Perspektiven, zu der es gegen Ende 2011 und in den ersten Monaten des laufenden Jahres kam, war nur von kurzer Dauer. Das globale Bruttoinlandsprodukt nahm im ersten Quartal mit einer laufenden Jahresrate von 3,1 Prozent zwar wieder etwas rascher zu, nach einem Anstieg um lediglich 2,3 Prozent in den letzten drei Monaten des Jahres 2011 (Abbildung 1). Allerdings ist auch dieses Tempo sehr mäßig verglichen mit dem mittelfristigen Trend von knapp 4 Prozent.
Abbildung1: Weltwirtschaftliche Aktivität 1998–2012
Quartalsdaten; saisonbereinigt; Indikator berechnet auf Basis von Stimmungsindikatoren aus 41 Ländern; Bruttoinlandsprodukt: preis-bereinigt, Veränderung gegenüber dem Vorquartal, Jahresrate; 2. Quartal 2012 teilweise geschätzt.
Quelle: OECD; Main Economic Indicators; nationale Quellen; eigene Berechnungen.
Die stärkere Zunahme der Weltproduktion im ersten Quartal wurde sowohl durch eine Belebung der Produktion in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften als auch durch eine wieder raschere Expansion in den Schwellenländern getragen. Neben Impulsen von der Geldpolitik, die in einer Reihe von Schwellenländern gelockert worden war und in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften die quantitativen Lockerungsmaßnahmen nochmals ausgeweitet hatte, machte sich vor allem im asiatischen Raum bemerkbar, dass sich die Produktion in Thailand nach dem durch Hochwasser bedingten Einbruch im Herbst rasch erholte.
Erneute Zuspitzung der Staatsschuldenkrise im Euroraum – Entlastung durch niedrigere Ölpreise
Die Stimmung an den Finanzmärkten verschlechterte sich in den vergangenen zwei Monaten erneut, nachdem sie sich in den ersten Monaten des laufenden Jahres vorübergehend aufgehellt hatte. Dies äußerte sich in einem deutlichen Wiederanstieg des Finanzmarktstressindikators für den Euroraum, den das Institut für Weltwirtschaft berechnet (Abbildung 2). Ein entsprechender Indikator für die Vereinigten Staaten zog gleichzeitig nur wenig an und lag zuletzt auf lediglich moderat erhöhtem Niveau. So scheinen die Belastungen durch Verspannungen auf den Finanzmärkten weitgehend auf den Euroraum konzentriert zu sein.
Abbildung 2: Finanzmarktstress in den Vereinigten Staaten und im Euroraum 1999–2012
Der Finanzmarktstress wird mithilfe eines Faktormodells aus einer Vielzahl von Einzelindikatoren bereichnet. Vereinigte Staaten: Finanzmarktstressindikator der Fed St. Louis; Euroraum: IfW-Finanzmarktstressindikator.
Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis, eigene Berechnungen.
Gleichzeitig gaben die Rohölpreise im Zuge der allgemeinen Verunsicherung an den Finanzmärkten stark nach. Anfang Juni notierte der Brent-Preis bei knapp 100 US-Dollar. Der Ölpreis ist zurzeit um 25 Dollar niedriger als im März und als wir in unserer Frühjahrsprognose für den Rest dieses Jahres und das nächste Jahr unterstellt hatten. Unter der Annahme, dass dieses Niveau bis zum Ende des kommenden Jahres Bestand hat, erhält die Konjunktur vonseiten der Rohstoffpreise spürbare Impulse.
Geldpolitik weiterhin auf außergewöhnlich expansivem Kurs – Finanzpolitik bleibt restriktiv
Die Geldpolitik ist in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften stark expansiv ausgerichtet. Im Winterhalbjahr hatten die Notenbanken nochmals zusätzliche Maßnahmen ergriffen, um die Konjunktur anzukurbeln und um – speziell im Euroraum – die Spannungen an den Finanzmärkten zu reduzieren. Die Notenbanken dürften über den gesamten Prognosezeitraum an ihrer gegenwärtigen extrem expansiven Ausrichtung festhalten. Angesichts der zunehmenden Risiken, die mit dieser Politik verbunden sind, erwarten wir jedoch nicht, dass es zu weiteren erheblichen Lockerungsmaßnahmen kommt, sofern eine dramatische Zuspitzung der Lage an den Finanzmärkten ausbleibt.
Die Lage der öffentlichen Haushalte ist in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften nach wie vor durch sehr hohe Haushaltsdefizite geprägt. Erhebliche Maßnahmen zur Konsolidierung sind im vergangenen Jahr in einigen Ländern des Euroraums und im Vereinigten Königreich ergriffen worden. In der europäischen Union wird die restriktive Finanzpolitik in diesem und – in abgeschwächtem Maße – auch im nächsten Jahr fortgesetzt werden. In den Vereinigten Staaten wird die Finanzpolitik im laufenden Jahr zwar nur leicht restriktiv wirken, im kommenden Jahr aber wohl deutlich stärker konsolidieren. Lediglich in Japan ist für den Prognosezeitraum infolge der Ausgaben im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau nach der Katastrophe vom März vergangenen Jahres noch keine Straffung der Fiskalpolitik zu erwarten; sie ist aber für die dann folgenden Jahre vorgesehen.
Ausblick: Konjunkturelle Expansion bleibt anfällig
Die Indikatoren für die Weltkonjunktur haben sich in der jüngsten Zeit spürbar eingetrübt. Sie lassen erwarten, dass die Weltwirtschaft im Sommerhalbjahr abermals an Fahrt verliert. Nach wie vor hat die konjunkturelle Erholung nicht ausreichend Grunddynamik, als dass Störungen etwa vonseiten der Finanzmärkte oder durch einen Anstieg der Rohstoffpreise spurlos blieben. Die weiteren Aussichten hängen zentral von der Entwicklung der Staatsschuldenkrise im Euroraum und den davon ausgehenden Einflüssen auf Nachfrage und Finanzmärkte ab. Ein Auseinanderbrechen des Euroraums – oder eine langanhaltende Phase, in der eine solche Entwicklung möglich scheint – würde wohl zu einer ausgeprägten Rezession im Euroraum führen und die Konjunktur in der übrigen Welt über den Handelskanal, aber auch über die internationalen Finanzmärkte dämpfen.
Für die Prognose unterstellen wir, dass sich die Anspannungen an den Finanzmärkten im Zusammenhang mit der Staatsschuldenkrise im Euroraum allmählich wieder verringern. Die Entwicklung in Griechenland ist zwar kaum prognostizierbar, ihr Einfluss auf den übrigen Euroraum dürfte aber angesichts der geringen Größe des Landes gering sein, sofern es gelingt, die Situation in den übrigen Krisenländern zu stabilisieren. Unter dieser Voraussetzung dürfte das Tempo der weltwirtschaftlichen Expansion im späteren Verlauf des Jahres wieder zunehmen. Dann dürften Faktoren, die in den vergangenen Monaten gebremst haben, an Wirkung verlieren. Für die fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist gleichwohl nach wie vor nur eine moderate konjunkturelle Expansion in Sicht. Zwar ist die Geldpolitik weiter sehr expansiv ausgerichtet, doch ist der private Sektor in vielen Ländern immer noch darum bemüht, seinen Verschuldungsgrad zu verringern. Hinzu kommen bremsende Einflüsse von der Finanzpolitik. In den Schwellenländern wird die Wirtschaftspolitik angesichts einer verlangsamten wirtschaftlichen Expansion zunehmend Maßnahmen ergreifen, um die Konjunktur anzuregen. Dies dürfte im Prognosezeitraum zu einer wieder stärkeren Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Produktion führen.
In den Vereinigten Staaten wird sich die Konjunktur im weiteren Verlauf des Jahres nur leicht beschleunigen und zu Beginn des kommenden Jahres einen Dämpfer durch die Finanzpolitik erhalten. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im laufenden Jahr um 2,1 Prozent und im kommenden Jahr um 2,0 Prozent zulegen. Die Konjunktur in Japan erhält im laufenden Jahr durch die Maßnahmen des Staates zum Wiederaufbau kräftige Impulse. So dürfte das Bruttoinlandsprodukt nach dem Rückgang um 0,7 Prozent im vergangenen Jahr mit einer Rate von 2,4 Prozent recht kräftig zunehmen. Die Konjunktur im Euroraum wird im Sommerhalbjahr schwach bleiben. Die konjunkturellen Divergenzen innerhalb des Euroraums dürften sich zunächst noch verstärken. Sofern sich die Staatschuldenkrise wie erwartet allmählich entspannt, dürfte sich die Wirtschaft im Prognosezeitraum nach und nach beleben. Für den Euroraum insgesamt rechnen wir mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,4 Prozent in diesem Jahr und einem Anstieg um 0,9 Prozent im Jahr 2013. Die Lage am Arbeitsmarkt dürfte sich dabei weiter verschlechtern. In den Schwellenländern wird die Konjunktur infolge von Anregungen durch die Wirtschaftspolitik und eine kräftigere Expansion in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften wieder an Fahrt gewinnen. In China dürfte die gesamtwirtschaftliche Produktion nach einem schwächeren ersten Halbjahr 2012 dank einer expansiveren Ausrichtung der Geld- und Fiskalpolitik wieder anziehen. Die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts dürfte mit rund 8 Prozent in diesem und im nächsten Jahr allerdings gemessen an den Zuwachsraten der Vorjahre moderat bleiben.
Alles in allem rechnen wir mit einem Anstieg der Weltproduktion im laufenden Jahr um 3,4 Prozent (Tabelle); dies ist eine nur geringfügige Veränderung gegenüber unserer Prognose vom März. Für 2013 haben wir unsere Erwartungen ebenfalls nur leicht angepasst; wir prognostizieren nun eine Zunahme des globalen Bruttoinlandsprodukts um 3,8 Prozent (Märzprognose 3,9 Prozent). Bei diesem Expansionstempo geht die Auslastung der weltweiten Produktionskapazitäten in diesem Jahr zurück und steigt im nächsten Jahr allenfalls leicht. Der Welthandel steigt 2012 mit einer Rate von 4 Prozent voraussichtlich deutlich schwächer als im mittelfristigen Trend. Für 2013 erwarten wir eine Beschleunigung auf 6 Prozent. Der Verbraucherpreisanstieg dürfte sich in diesem und im nächsten Jahr abschwächen.
Bruttoinlandsprodukt und Verbraucherpreise in fortgeschrittenen Ländern und Regionen 2011–2013
| Bruttoinlandsprodukt | Verbraucherpreise | |||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 2011 | 2012 | 2013 | 2011 | 2012 | 2013 | |
| Vereinigte Staaten | 1,7 | 2,1 | 2,0 | 3,2 | 2,0 | 2,2 |
| Japan | -0,7 | 2,5 | 1,3 | -0,3 | -0,4 | -0,2 |
| Euroraum | 1,5 | -0,4 | 0,9 | 2,7 | 2,2 | 1,8 |
| Vereinigtes Königreich | 0,7 | 0,2 | 1,3 | 4,5 | 2,5 | 2,1 |
| Fortgeschrittene Länder insgesamt | 1,5 | 1,4 | 1,8 | 2,7 | 1,8 | 1,8 |
| China | 9,2 | 8,0 | 8,0 | 5,4 | 4,0 | 4,5 |
| Lateinamerika | 4,5 | 3,5 | 4,3 | 6,8 | 5,8 | 5,5 |
| Ostasien | 4,4 | 5,0 | 5,2 | 4,5 | 3,9 | 4,4 |
| Indien | 7,0 | 7,0 | 8,0 | 8,9 | 7,5 | 8,0 |
| Russland | 4,3 | 4,5 | 3,5 | 8,4 | 5,5 | 5,5 |
| Weltwirtschaft insgesamt | 3,9 | 3,4 | 3,8 | 5,5 | 4,7 | 4,5 |
| Nachrichtlich: Welthandelsvolumen | 5,8 | 4,0 | 6,0 | . | . | . |
| Ölpreis (US-Dollar/Barrel) | 111,6 | 107,0 | 100,0 | . | . | . |
| Ostasien: ohne China, Indien und Japan. — Grau hinterlegt: Prognose des IfW. | ||||||
Kurzfassung Kieler Diskussionsbeitrag 506/507 von Klaus-Jürgen Gern, Nils Jannsen, Martin Plödt, Björn van Roye und Joachim Scheide „Weltkonjunktur in unruhigem Fahrwasser“.
Fachliche Ansprechpartner: Prof. Dr. Joachim Scheide und Dr. Klaus-Jürgen Gern