Europäische Schuldenkrise bremst den Aufschwung in Deutschland erneut
Medieninformation vom 14. Juni 2012
Nach dem schwungvollen Jahresauftakt zeichnet sich für die deutsche Konjunktur im weiteren Jahresverlauf eine zunächst nur schwache Dynamik ab. Grund hierfür sind die dämpfenden Effekte, die von der schwelenden Schuldenkrise in einigen Ländern des Euroraums ausgehen. Diese belasten das Geschäftsklima und schwächen über einen vermehrten Investitionsattentismus die binnenwirtschaftlichen Auftriebskräfte. Gleichwohl haben sich die Aussichten für einen kräftigen Produktionsanstieg nicht grundlegend geändert. Vor allem gehen von den extrem niedrigen Zinsen in Deutschland beträchtliche Impulse aus. Diese dürften sich in der zweiten Hälfte des Prognosezeitraums mehr und mehr durchsetzen, sofern die Lage im Euroraum nicht eskaliert. So werden die Unternehmen wieder stärker in Ausrüstungen investieren, wobei das Motiv der Kapazitätserweiterung vor dem Hintergrund der anziehenden Auslastung an Gewicht gewinnen dürfte. Der Wohnungsbau profitiert von den sehr niedrigen Hypothekenzinsen. Ferner wird der private Konsum von den weiterhin positiven Aussichten am Arbeitsmarkt gestützt. Die Exporte werden allmählich wieder etwas rascher zulegen, zumal sich die Konjunktur bei den Handelspartnern fängt. Die Ausfuhrdynamik dürfte allerdings nicht sehr groß sein; da die Importe rascher steigen, wird der Außenhandel die Expansion im weiteren Verlauf dieses Jahres und auch 2013 leicht bremsen.
Die deutsche Volkswirtschaft ist mit einem kräftigen Produktionsplus von 2,1 Prozent (laufende Jahresrate) in das Jahr gestartet. Ausschlaggebend für den Anstieg war der Umschwung bei den Exporten. Sie legten trotz der Rezession in einigen europäischen Ländern spürbar zu. Da die Importe gleichzeitig stagnierten, war der Expansionsbeitrag des Außenhandels mit 3,4 Prozentpunkten sehr groß. Hingegen ging die inländische Verwendung sogar zurück, was insbesondere einer Rückführung der Lagerhaltung geschuldet ist. Auch von der Bautätigkeit ging ein Dämpfer auf die Konjunktur aus, wobei Sondereffekte die weiterhin intakte Aufwärtstendenz überlagert haben. Bei den Ausrüstungsinvestitionen zeigte sich, dass die Unsicherheit andauerte und sich die Unternehmen wegen der Konjunkturschwäche im übrigen Euroraum zurückhielten. Hingegen erholten sich die privaten Konsumausgaben vor dem Hintergrund einer deutlichen Zunahme der verfügbaren Einkommen. Angesichts einer nur schwach ausgeprägten Aufwärtstendenz bei den Auftragseingängen, einer zuletzt rückläufigen Industrieproduktion sowie weniger optimistischen Geschäftserwartungen rechnen wir für das zweite Quartal mit einer nur schwach ausgeprägten Expansion von 0,5 Prozent. Im weiteren Verlauf des Prognosezeitraums dürfte die Konjunktur in Deutschland – getragen von einer zunehmend schwungvolleren Entwicklung der inländischen Verwendung – wieder vermehrt Fahrt aufnehmen. Vom Außenhandel werden indes dämpfende Effekte ausgehen. Im laufenden Jahr dürfte das Bruttoinlandsprodukt um 0,9 Prozent zulegen (arbeitstäglich bereinigt: 1,1 Prozent), im nächsten Jahr dürfte ein Zuwachs von 1,7 Prozent (arbeitstäglich bereinigt: 1,8 Prozent) zu verzeichnen sein. Ausgehend von einer leichten Unterauslastung der gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten in diesem Jahr bewegt sich die deutsche Wirtschaft im Verlauf des Prognosezeitraums allmählich in die Anfangsphase einer Hochkonjunktur hinein.
Vom Arbeitsmarkt kamen nach dem kräftigen Beschäftigungsaufbau im ersten Quartal zuletzt unter-schiedliche Signale. So wurde der Rückgang der Arbeitslosigkeit unterbrochen, sie ist in den jüngsten Monaten sogar geringfügig gestiegen. Die saisonbereinigte Zahl der amtlich registrierten Arbeitslosen lag im Mai dieses Jahres bei 2,87 Mill. Personen, die Arbeitslosenquote betrug 6,7 Prozent. Hingegen war die Beschäftigung weiterhin aufwärtsgerichtet. Die Arbeitslosigkeit wird sich in diesem Jahr gegenüber 2011 leicht zurückbilden, die Zahl der Arbeitslosen sinkt um voraussichtlich 115 000 auf 2,86 Mill. Personen. Als Folge des höheren konjunkturellen Tempos wird sich der Beschäftigungsanstieg im nächsten Jahr verstärken, und die Zahl der Arbeitslosen dürfte dann knapp unter der 2,8 Mill. Marke liegen.
Das Preisklima hat sich zuletzt beruhigt. Maßgeblich hierfür war der Rückgang der Energiepreise. Die Lebenshaltung war im Mai um 1,9 Prozent teurer als im entsprechenden Monat des Vorjahres. Bedeutsam ist jedoch die Tatsache, dass sich die Kerninflationsrate nicht verringert hat, sondern sogar leicht anzog; hier macht sich vor allem der stärkere binnenwirtschaftliche Kostendruck bemerkbar. Die Lohnstückkosten nehmen in diesem Jahr um 3,4 Prozent und im nächsten Jahr um 2,2 Prozent zu. Im Durchschnitt des Jahres 2012 dürfte die Inflationsrate 2,0 Prozent betragen. Im kommenden Jahr wird die Inflation nahezu ausschließlich durch inländische Faktoren getrieben und mit 2,1 Prozent etwas höher sein als in diesem Jahr.
Das gesamtstaatliche Budgetdefizit wird im laufenden Jahr wohl spürbar sinken und 0,3 Prozent in Relation zur Wirtschaftsleistung betragen. Bei der insgesamt lebhafteren Konjunktur im nächsten Jahr wird sich die Lage der öffentlichen Finanzen nochmals verbessern und es ist sogar damit zu rechnen, dass es kein Defizit mehr im Budget des Gesamtstaates gibt. Allerdings begünstigen die extrem niedrigen Finanzierungsbedingungen, von denen der deutsche Staat derzeit an den Finanzmärkten profitiert, den Haushaltsausgleich ohne Neuverschuldung beträchtlich.
Tabelle: Eckdaten zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland 2010–2013
| 2010 | 2011 | 2012 | 2013 | |
|---|---|---|---|---|
| Bruttoinlandsprodukt, preisbereinigt | 3,7 | 3,0 | 0,9 | 1,7 |
| Erwerbstätige im Inland (1 000 Personen) | 40 553 | 41 096 | 41 606 | 42 013 |
| Arbeitslose, BA (1 000) | 3 238 | 2 976 | 2 866 | 2 797 |
| Verbraucherpreise | 1,1 | 2,3 | 2,0 | 2,1 |
| Finanzierungssaldo des Staates in Prozent des BIP | –4,3 | –1,0 | –0,3 | 0,0 |
| Schuldenstand in Prozent des BIP | 83,2 | 80,9 | 81,1 | 78,3 |
| Bruttoinlandsprodukt, Verbraucherpreise: Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent; Arbeitslose: Abgrenzung der Bundesagentur für Arbeit. | ||||
Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 18, Reihe 1.2; Deutsche Bundesbank, Monatsbericht; Bundesagentur für Arbeit, Monatsbericht; grau hinterlegt: Prognose des IfW.
Kurzfassung Kieler Diskussionsbeitrag 506/507 von Jens Boysen-Hogrefe, Dominik Groll, Nils Jannsen, Stefan Kooths, Björn van Roye und Joachim Scheide „Deutschland: Schuldenkrise bremst den Aufschwung erneut“.
Fachliche Ansprechpartner: Prof. Dr. Joachim Scheide und Dr. Stefan Kooths