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Domino in Südeuropa? Griechenland, Portugal und Spanien im realwirtschaftlichen Krisentest

ifw_logo_small.jpg Medieninformation vom 23. Januar 2012


Griechenland ist von einer Rettung nach wie vor weit entfernt – im Gegenteil, es wird immer deutlicher, dass das Land in Richtung auf eine Staatspleite zusteuern könnte. Selbst die griechische Regierung droht mittlerweile mit einem solchen Szenario. Das Jahr 2011 war von Krisenspekulationen geprägt, die sich jedoch nicht nur gegen Griechenland, sondern auch gegen weitere Euro-Länder richteten. Südeuropäische Länder wie Portugal und Spanien wurden als Dominosteine angesehen, die beim Scheitern einer Griechenland-Rettung als nächste fallen würden. Könnte sich 2012 die Krise in Portugal und Spanien ähnlich zuspit­zen? In ihrem aktuellen Kieler Diskussionsbeitrag Nr. 500/501 „Die Krise in Südeuropa oder die Angst vor dem Dominoeffekt – Griechenland, Portugal und Spanien im Krisentest“ be­trachten die IfW-Ökonomen Klaus Schrader und Claus-Friedrich Laaser die realwirtschaftli­chen Ursachen der Krise in den drei südeuropäischen Ländern. Ihr Vergleich der wirtschaftlichen Entwicklung in den drei Ländern zeigt, dass aus realwirtschaftlicher Sicht wenig für eine solche Dominotheorie spricht. Denn die Krisenmuster und ‑historien sind zu unterschiedlich, wie auch das Problemlösungspotenzial der Länder. Der Krisentest macht aber deutlich, dass alle drei Länder nur über schmerzhafte Strukturreformen einen Weg aus ihrer Krise finden können.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat in Griechenland, Portugal und Spanien die teilweise jahrzehntelang verschleppten Strukturdefizite schonungslos aufgedeckt und die Solvenz zumindest zweier dieser Länder mehr oder weniger in Frage gestellt. Die "Märkte" haben die Annahme fallen lassen, dass die Mitgliedschaft in der Eurozone eine Art Qualitätssiegel für eine funktionstüchtige Marktwirtschaft ist, in der strenge Stabilitätskriterien befolgt werden. Nach einer langen Phase des Ignorierens struktureller Fehlentwicklungen und ungerechtfertigter Vertrauensvorschüsse gibt es erst jetzt eine kritische Auseinandersetzung mit den wirt­schaftlichen Realitäten in den sogenannten Krisenländern.

Der von den Autoren durchgeführte Krisentest ergibt, dass sich Griechenland, Portugal und Spanien in Struktur und Ausmaß der Krisensymptome und Krisenursachen zum Teil erheblich unterscheiden. Griechenland ist ohne Frage der größte Problemfall, hier muss die Wirtschafts- und Finanzpolitik, begleitet von einem politischen und gesellschaftlichen Mentalitätswechsel, völlig neu definiert werden. Portugal ist zwar weiterhin nicht mit Griechenland gleichzusetzen, die negativen Entwicklungen insbesondere am aktuellen Rand erfordern jedoch ein schnelles und entschiedenes Gegensteuern. Spaniens Wirtschaft steckt ebenfalls in der Krise, doch erreicht die bestehende Schieflage keine griechischen oder auch nur portugiesischen Dimensionen.

Griechenland konnte seit seinem EU-Beitritt 1981 keine wettbewerbsfähigen Beschäftigungsstrukturen entwickeln, es fehlen vor allem Arbeitsplätze mit hohen Qualifikationsanforderungen. Ein dominanter Staatssektor und eine teilweise abgeschottete Privatwirtschaft haben sich als nicht globalisierungstauglich erwiesen. Die Wirtschaftsstrukturen entsprechen daher nicht dem Muster eines hochentwickelten Industrielandes. Das relativ starke griechische Wachstum während der letzten 10 Jahre basierte vor allem auf staatlichem und privatem Konsum, der mit geliehenem Geld finanziert wurde, was zu einem unkontrollierbaren Schuldenberg geführt hat. Der Wegfall des billigen Geldes und der damit verbundene Nachfrageeinbruch haben Griechenland nun eine Rekordarbeitslosigkeit beschert, die aufgrund des jahrzehntelang verschleppten Strukturwandels kaum zu beherrschen ist.

Portugal erwies sich nach seinem EU-Beitritt 1986 als harter Konkurrent um Produktionsstandorte in der EU, verpasste aber den notwendigen Strukturwandel im Zuge der Öffnungen in Mittel- und Osteuropa. Das Land weist zwar eine bessere Integra­tion in internationale Produktionsnetzwerke als Griechenland auf, jedoch ist Portugal für die vormals boomenden arbeitsintensiven Produktionen zu teuer geworden. Exportgeleitetes Wachstum fand daher zuletzt immer weniger statt. Qualifikationsmängel, Produktivitätsdefizite sowie private und staatliche Schuldenlasten haben das Land nach und nach in die Krise geführt.

Spaniens EU-Beitritt im gleichen Jahr wie Portugal hatte einen wirtschaftlichen Aufholprozess eingeleitet, der auch von einer relativ soliden industriellen Basis profi­tieren konnte. Die Verlockung des schnellen Geldes im Immobilienboom hat diese nachhaltige Entwicklung aber unterbrochen. Nach dem Platzen der Immobilienblase verblieb dem Land eine Arbeitslosenquote im 20-Prozent-Bereich. Unflexible Arbeitsmarktinstitutionen und eine hohe private Verschuldung erweisen sich als Bremse für eine wirtschaftliche Erholung.

Allen drei Ländern ist gemeinsam, dass sie in den kommenden Jahren ihre Probleme nur durch ein stetiges Wirtschaftswachstum in den Griff bekommen können. Dieses Wachstum kann aber nicht erneut aus einem expandierenden staatlichen oder privaten Konsum resultieren, da billige Kredite nicht länger zur Verfügung stehen — das neue Wachstum kann nur exportbasiert sein. Dazu bedarf es tiefgreifender Strukturreformen, die über eine Erhöhung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit keine schnelle, aber dafür eine nachhaltige Besserung versprechen. Zudem könnte mit einem entschiedenen Reformkurs das auf den internationalen Finanz- und Kapitalmärkten verloren gegangene Vertrauen schrittweise zurück gewonnen werden, was den Strukturwandel wesentlich erleichtern würde.

Griechenland hat die längste Reformagenda abzuarbeiten, um insbesondere die enormen Produktivitätsprobleme in den Griff zu bekommen und endlich ein exportgeleitetes Wachstum zu erzielen: Umfassende Arbeitsmarktreformen und die Entwicklung einer Konsenskultur der Tarifpartner; eine Bildungsoffensive von kindlicher Früherziehung bis lebenslangem Lernen; die Privatisierung der Staatsunternehmen und bisher staatlicher Infrastruktur; eine breit angelegte Marktöffnung der vielfach noch abgeschotteten Güter- und Dienstleistungsmärkte; Abbau von bürokratischen Investitionshemmnissen für Inländer und Ausländer; einen Mentalitätswandel in der Staatsbürokratie hin zu einem investitionsfreundlichen Ser­vicebetrieb; das Werben um Investoren insbesondere in Bereichen höherwertiger Produktionen; die Modernisierung des Tourismussektors.

In Portugal müssen die Lohnstückkosten wieder international wettbewerbsfähig werden und das Verharren in Arbeitslosigkeit deutlich an Attraktivität einbüßen, um den steigenden Arbeitslosenzahlen zu begegnen. Durch Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen auf allen Ebenen sollten Produktivitätsgewinne erzielt und höherwertige Produktionsschritte als Teile internationaler Wertschöpfungsketten ins Land geholt werden.

Spanien muss zu einem exportgeleiteten Wachstumsmodell zurückfinden und dabei seine fraglos vorhandenen industriellen Potenziale besser nutzen. Weitreichende Arbeitsmarktreformen für flexible Arbeitsverhältnisse und wettbewerbsfähige Löhne müssen zügig weiter­geführt werden, um der drückenden Massenarbeitslosigkeit Herr zu werden. Damit sollte eine breit angelegte Deregulierung der spanischen Wirtschaft einhergehen, um wieder mehr Wettbewerb zu schaffen und Spanien als High Tech-Standort auch über die Automobilindustrie hinaus interessant zu machen.

Die Autoren warnen, dass es fatal wäre, wenn der Reformdruck, den IMF und EU aufgebaut haben, im Verlauf dieses Jahres wieder gelockert würde. Wenn erst einmal die Hoffnung auf das Entstehen einer wie auch immer gearteten Transferunion mit leistungsstarken Gebern entstände, würde die Reformbereitschaft in der Hoffnung auf ein „transferbasiertes Wachstumsmodell“ schnell wieder abnehmen. Denn die notwendigen Strukturreformen sind erst einmal mit weiteren Einkommensverlusten verbunden, so dass die politischen Entscheidungsträger in den Krisenländern eine bequemere Alternative niemals ausschlagen würden. Den Akteuren auf den internationalen Finanz- und Kapitalmärkten raten die Autoren, nicht den Blick für realwirtschaftliche Unterschiede zwischen den Krisenländern zu verlieren. Mit einer ungerechtfertigten Hysterie, die alle kriselnden Länder undifferenziert in einen Topf wirft, würden sich die Märkte letztendlich nur selbst schaden. Die Kosten einer jahrelangen Schönfärberei, die strukturelle Fehlentwicklungen einfach ausblendete, sind schon jetzt hoch genug.

Vollständige Studie

Ansprechpartner: Dr. Klaus Schrader und Dr. Claus Friedrich Laaser