Deutsche Wirtschaft überwindet Konjunkturflaute
Medieninformation vom 15. März 2012
Die Konjunktur in Deutschland wird im Laufe dieses Jahres spürbar anziehen und damit die Schwächephase der vergangenen Herbst- und Wintermonate überwinden. Bereits im zweiten Halbjahr dürfte die Produktion wieder schneller zunehmen als die gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten wachsen. Diese Entwicklung wird auch im nächsten Jahr Bestand haben, so dass sich der Auslastungsgrad der Produktionsmöglichkeiten erhöht. Die leichte Unterauslastung im Durchschnitt des laufenden Jahres dürfte im nächsten Jahr durch den Eintritt in die Hochkonjunktur abgelöst werden. Getragen wird die Expansion durch die Binnennachfrage, während vom Außenhandel leicht dämpfende Effekte ausgehen. Insbesondere wird die Investitionstätigkeit kräftig anziehen. Zum einen dürfte sich der Attentismus, der insbesondere durch die zwischenzeitliche Verunsicherung über den Fortgang der europäischen Staatsschuldenkrise eingetreten war, allmählich auflösen, und zum anderen befeuert das für Deutschland extrem niedrige Zinsniveau die Nachfrage, was sich vor allem in einer weiterhin sehr lebhaften Wohnungsbautätigkeit auswirken wird. Die günstige Entwicklung auf dem Ar-beitsmarkt dürfte sich fortsetzen. Indessen werden die binnenwirtschaftlichen Preisauftriebskräfte stärker.
Die deutsche Wirtschaft ist im Herbst des vergangenen Jahres in eine Schwächephase geraten, die mittlerweile aber überwunden sein dürfte. So sind die Stimmungsindikatoren seit vier Monaten auf-wärts gerichtet, und auch die Industrieproduktion zog zuletzt wieder an. Mit einem nur leichten Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 0,7 Prozent (Jahresrate) blieb ein ausgeprägter Einbruch im Schlussquartal des vergangenen Jahres aus. Für die ersten drei Monate dieses Jahres rechnen wir wieder mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um 0,6 Prozent, so dass die ökonomische Aktivität im Herbst und Winter in etwa stagniert haben dürfte. Aufgrund des schwachen Jahresauftakts rechnen wir für das Jahr 2012 mit einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes um 0,7 Prozent (arbeitstäglich bereinigt: 0,9 Prozent). Im nächsten Jahr dürfte die Expansionsrate mit 1,9 Prozent deutlich größer sein als das von uns auf 1 ¼ Prozent veranschlagte Wachstum des Produktionspotentials.
Zuletzt hat die deutsche Konjunktur vor allem unter der Schwäche der Exporte gelitten, bedingt durch die Rezession in einigen Ländern des übrigen Euroraums, aber auch durch die Verlangsamung der Expansion in einigen Schwellenländern. Zuletzt hat sich die Stimmung in mehreren Ländern nicht weiter verschlechtert, zum Teil sogar leicht aufgehellt. Im Verlauf dieses Jahres dürften die Lieferungen in das Ausland nach und nach an Schwung gewinnen. Im Jahresdurchschnitt dürfte die Zunahme mit 2,2 Prozent aber nur schwach ausfallen. Im nächsten Jahr könnte die Expansionsrate dann aber schon wieder nah an die 5-Prozent-Marke heranreichen. Die Einfuhren dürften mit 3,5 Prozent (2012) und 5,7 Prozent (2013) etwas stärker zulegen als die Ausfuhren, so dass der Expansionsbeitrag des Außenhandels mit –0,5 Prozentpunkten (2012) und –0,2 Prozentpunkten (2013) in beiden Jahren negativ sein wird.
Die Binnennachfrage ist im Prognosezeitraum der entscheidende Impulsgeber für die deutsche Kon-junktur. Das für Deutschland extrem niedrige Zinsniveau dürfte dem Investitionsaufschwung neben dem zyklischen Moment zusätzliche Wucht verleihen. Insbesondere der Wohnungsbau wird nicht zuletzt aufgrund der günstigen Finanzierungsbedingungen weiterhin kräftig expandieren. Mit Zuwachsraten von 2,7 Prozent (2012) und 4,6 Prozent (2013) stellen die Wohnungsbauinvestitionen nach den Ausrüstungen, die um 3,8 Prozent bzw. 9,5 Prozent zulegen, die am stärksten expandierende Binnennachfrage¬komponente dar. Der private Konsum dürfte – begünstigt von einer sehr robusten Arbeitsmarktentwicklung – bei einer konstanten Sparquote von knapp 11 Prozent in diesem Jahr um 0,7 Prozent und im nächsten Jahr um 1,1 Prozent steigen.
Die Aufwärtsdynamik am Arbeitsmarkt bleibt ungebrochen. Stieg die Zahl der Erwerbstätigen im vergangenen Jahr um 546 000, so dürften im Prognosezeitraum noch einmal 493 000 (2012) und 437 000 Personen hinzukommen. Diese werden wohl gut zur Hälfte aus der Stillen Reserve in eine Beschäftigung wechseln. Bei tendenziell rückläufigem Erwerbspersonenpotential sinkt daher die Zahl der Arbeitslosen wesentlich schwächer als dass zusätzliche Beschäftigung aufgebaut wird. Im Durchschnitt dieses Jahres dürften 2,8 Millionen Arbeitslose (in der Definition der Bundesagentur für Arbeit) gezählt werden – dies sind etwa 200 000 weniger als im vergangenen Jahr. Im nächsten Jahr wird sich die Arbeitslosenzahl voraussichtlich um weitere 215 000 Tausend auf dann durchschnittlich 2,6 Millionen verringern. Die effektiven Stundenlöhne ziehen mit reichlich 3 Prozent in beiden Prognosejahren so kräftig an wie seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr.
Die Verbraucherpreise dürften in diesem und im nächsten Jahr mit 2,5 Prozent bzw. 2,4 Prozent spürbar anziehen. Während sich zunächst noch die vorangegangene Verteuerung von Energieträgern preistreibend auswirkt, verlagert sich der Preisauftrieb im weiteren Prognosezeitraum mehr und mehr auf binnenwirtschaftliche Faktoren. Bei nur schwachem Produktivitätsverlauf steigen die Lohnstückkosten um 3,4 Prozent in diesem Jahr und um 2,4 Prozent im nächsten Jahr.
Die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte wird in diesem Jahr weiter vorangekommen. Das ge-samtstaatliche Defizit dürfte nach 1 Prozent im vergangenen Jahr auf 0,7 Prozent in Relation zur Wirtschaftsleistung schrumpfen. Im kommenden Jahr gerät der Konsolidierungskurs jedoch ins Stocken und der Defizitabbau kommt trotz des günstigen konjunkturellen Umfeldes kaum voran.
Tabelle: Eckdaten zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland 2010–2013
| 2010 | 2011 | 2012 | 2013 | |
|---|---|---|---|---|
| Bruttoinlandsprodukt, preisbereinigt | 3,7 | 3,0 | 0,7 | 1,9 |
| Erwerbstätige im Inland (1 000 Personen) | 40 553 | 41 100 | 41 593 | 42 030 |
| Arbeitslose, BA (1 000) | 3 238 | 2 976 | 2 775 | 2 560 |
| Verbraucherpreise | 1,1 | 2,3 | 2,5 | 2,3 |
| Finanzierungssaldo des Staates in Prozent des BIP | –4,3 | –1,0 | –0,7 | –0,6 |
| Schuldenstand in Prozent des BIP | 83,2 | 80,9 | 81,6 | 79,2 |
| Bruttoinlandsprodukt, Verbraucherpreise: Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent; Arbeitslose: Abgrenzung der Bundesagentur für Arbeit. | ||||
Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 18, Reihe 1.2; Deutsche Bundesbank, Monatsbericht; Bundesagentur für Arbeit, Monatsbericht; grau hinterlegt: Prognose des IfW.
Kurzfassung Kieler Diskussionsbeitrag 504/505 von Jens Boysen-Hogrefe, Dominik Groll, Nils Jannsen, Stefan Kooths, Björn van Roye und Joachim Scheide „Deutschland: Konjunkturflaute wird überwunden“.
Fachliche Ansprechpartner: Dr. Stefan Kooths und Dr. Jens Boysen-Hogrefe