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Deutsche Wirtschaft am Rande einer Rezession


ifw_logo_small.jpg Medieninformation vom 13. September 2011


Die Konjunktur in Deutschland befindet sich am Beginn einer Schwächephase. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die Wirtschaft in eine Rezession gerät; davon gehen wir im Moment aber nicht aus. Wir halten es dennoch für wahrscheinlich, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion vorübergehend leicht sinkt. Maßgeblich hierfür wird vor dem Hintergrund der Konjunkturschwäche bei den Handelspartnern der Außenhandel sein. Daneben werden die Unternehmensinvestitionen deutlich langsamer steigen als zuvor. Der private Konsum dürfte indes stützend wirken. Alles in allem ergibt sich aufgrund der starken Entwicklung zu Beginn des Jahres immer noch ein Anstieg des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts von 2,8 Prozent. Im Verlauf des nächsten Jahres dürfte die Konjunktur allmählich wieder Tritt fassen, im Jahresdurchschnitt beträgt der Zuwachs jedoch nur 0,8 Prozent. Der Arbeitsmarkt wird trotz der konjunkturellen Schwächephase weiterhin robust bleiben, so dass die Beschäftigung bis ins kommende Jahr hinein steigen dürfte.

Bis zur Jahresmitte schienen die konjunkturellen Aufschwungskräfte in Deutschland noch intakt zu sein. Zwar nahm das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal dieses Jahres nur um 0,5 Prozent zu (laufende Jahresrate), doch ist dies auch vor dem Hintergrund des hohen Anstiegs im Vorquartal zu sehen, als die gesamtwirtschaftliche Produktion um 5,5 Prozent zugelegt hatte; auch spielten Sonderfaktoren wie die deutliche Abnahme der Energieproduktion eine Rolle. Dabei blieb die inländische Verwendung deutlich aufwärtsgerichtet, wenn auch vor allem die Vorräte aufgestockt wurden. In Ausrüstungen wurde erneut mehr investiert, jedoch war die Zunahme im zweiten Quartal nicht mehr so stürmisch wie zuvor. Ausgesprochen schwach verliefen die privaten Konsumausgaben, sie sanken deutlich. Gedrückt wurde das Bruttoinlandsprodukt durch den Außenbeitrag. Zwar nahmen die Exporte noch einmal kräftig zu, die Importe wurden aber deutlich rascher ausgeweitet.

Ausblick: Konjunkturelle Schwächephase wird 2012 überwunden

Für das dritte Quartal dieses Jahres erwarten wir, dass das Bruttoinlandsprodukt annähernd stagniert. Hierfür spricht eine Reihe von Frühindikatoren. Zwar befinden sich die Stimmungsindikatoren immer noch auf einem hohen Niveau, der Absturz seit der Jahresmitte ist jedoch dramatisch. Daneben verliefen die Auftragseingänge in der Industrie in jüngster Zeit verhalten. Einen Rückgang der Produktion erwarten wir allerdings erst für das vierte Quartal. Verantwortlich hierfür wird – ausgelöst durch die Konjunkturschwäche bei den Handelspartnern – ein Rückgang der Exporte sein, während die Importe aufgrund der vergleichsweise robusten Binnenwirtschaft weiter zunehmen werden. Die Unternehmensinvestitionen und privaten Konsumausgaben werden zudem langsamer steigen als zuvor. Alles in allem ergibt sich für den Jahresdurchschnitt des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts dennoch ein Anstieg von 2,8 Prozent, was auf die starke Entwicklung zu Jahresbeginn zurückzuführen ist.

Im kommenden Jahr dürfte die Konjunktur allmählich wieder Tritt fassen. Mit der wieder einsetzenden Erholung in den fortgeschrittenen Ländern werden die Exporte rascher zunehmen. Damit steigt auch das Bruttoinlandsprodukt schneller, und die gesamtwirtschaftliche Kapazitätsauslastung wird sich im Jahresverlauf leicht erhöhen. Wegen des niedrigen Niveaus zu Jahresbeginn fällt die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts mit 0,8 Prozent im Durchschnitt allerdings nur gering aus.
Der Preisauftrieb dürfte sich im Verlauf dieses Jahres weiter stark abschwächen, bevor er sich im kommenden Jahr von binnenwirtschaftlicher Seite wieder spürbar verstärken wird. Die Inflationsrate wird 2,3 Prozent in diesem und 1,9 Prozent im nächsten Jahr betragen.

Arbeitsmarkt bleibt robust

Der Arbeitsmarkt dürfte der konjunkturellen Schwächephase trotzen. Die gleichen Faktoren, die für die außergewöhnlich günstige Entwicklung der Beschäftigung während der Großen Rezession verantwortlich waren, sind weiterhin vorhanden. So gehen trotz der zu erwartenden höheren Lohnsteigerungen in diesem und im kommenden Jahr immer noch positive Impulse von der ausgeprägten Lohnmoderation aus den Jahren vor der Krise auf die Arbeitsnachfrage aus. Wir erwarten, dass die Zahl der Arbeitslosen im Durchschnitt dieses Jahres bei knapp unter 3 Mill. liegen wird, im nächsten Jahr wird sie weiter – wenngleich mit geringerem Tempo – auf knapp 2,9 Mill. sinken.

Risiken bleiben groß

Das größte Risiko für die Konjunktur besteht weiterhin in einer Zuspitzung der Staatsschuldenkrise. Weder in den Vereinigten Staaten noch im Euroraum ist eine Lösung der Probleme in Sicht. So sind neue Schocks von dieser Seite möglich – etwa eine plötzlich erklärte Insolvenz eines Staates, auf die die Märkte und vermutlich auch die Politik nicht vorbereitet sind, oder ein deutlicher Anstieg der Zinsen aufgrund eines erhöhten Anlagerisikos. Dies könnte zu neuen Verwerfungen an den Finanzmärkten führen, die Unsicherheit verstärken und folglich die Konjunktur zusätzlich dämpfen. Sollte sich der Abschwung im Ausland verschärfen, wäre auch die deutsche Wirtschaft betroffen, denn die Exporte würden spürbar zurückgehen. Eine Rezession wäre dann wohl auch in Deutschland nicht zu vermeiden.

Tabelle: Eckdaten zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland 2009–2012

 2009201020112012
Bruttoinlandsprodukt, preisbereinigt-5,13,72,80,8
Erwerbstätige im Inland (1 000 Personen)40 36240 55341 06841 289
Arbeitslose, BA (1 000)  3 415  3 238  2 984  2 868
Verbraucherpreise 0,3 1,1 2,3 1,9
Finanzierungssaldo des Staates in Prozent des BIP-3,2-4,3-1,2-0,7
Schuldenstand in Prozent des BIP73,583,281,680,5
Bruttoinlandsprodukt, Verbraucherpreise: Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent; Arbeitslose: Abgrenzung der Bundesagentur für Arbeit.

Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 18, Reihe 1.2 (lfd. Jgg.); Deutsche Bundesbank, Monatsbericht (lfd. Jgg.); Budesagentur für Arbeit, Monatsbericht (lfd. Jgg.); 2011 und 2012: Prognose des IfW.

Kurzfassung Kieler Diskussionsbeitrag 494/495 von Jens Boysen-Hogrefe, Dominik Groll, Nils Jannsen, Stefan Kooths, Björn van Roye und Joachim Scheide „Deutsche Wirtschaft am Rande einer Rezession“.

Vollständiger Text

Fachliche Ansprechpartner: Dr. Stefan Kooths und Dr. Jens Boysen-Hogrefe