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Weltkonjunktur kommt nach kräftiger Erholung in schwierigeres Fahrwasser

ifw_logo_small.jpg Pressemitteilung vom 17. Juni 2010


Die Weltwirtschaft hat sich rascher erholt als erwartet. Vor allem die Konjunktur in den Entwicklungs- und Schwellenländern hat im Winterhalbjahr 2009/2010 eine hohe Dynamik entfaltet, aber auch in den Industrieländern nahm die Produktion überraschend deutlich zu. Allerdings deutet sich an, dass die wirtschaftliche Expansion in den Schwellenländern im weiteren Verlauf dieses Jahres an Schwung verliert. Gleichzeitig hat die Vertrauenskrise im Euroraum gezeigt, dass erhebliche Risiken für die Erholung in den Industrieländern bestehen. Daher haben wir zwar unsere Prognose für den Anstieg des globalen Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2010 deutlich – von 3,7 Prozent in unserer Prognose vom März auf 4,4 Prozent – erhöht. Für 2011 erwarten wir aber nach wie vor einen nur moderaten Zuwachs der Weltproduktion (3,7 Prozent; Märzprognose: 3,6 Prozent). Dabei bleibt die Arbeitslosigkeit in den Industrieländern insgesamt hoch, und die Inflation verharrt auf niedrigem Niveau.

Die Weltkonjunktur hat sich rascher erholt als erwartet, die Risiken für den Aufschwung haben aber in den vergangenen Wochen zugenommen. Nach einem kräftigen Zuwachs im vierten Quartal 2009 legte das globale reale Bruttoinlandsprodukt auch in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres deutlich zu; gemessen auf der Basis von Kaufkraftparitäten dürfte es im ersten Quartal 2010 um rund 4,5 Prozent höher gelegen haben als ein Jahr zuvor, als der Tiefpunkt der Produktion im Verlauf der globalen Rezession erreicht worden war (Abbildung). Auch für das laufende Quartal ist mit einem kräftigen Anstieg der Weltproduktion zu rechnen; darauf deutet der auf der Basis von Stimmungsindikatoren aus 41 Ländern berechnete IfW-Indikator für die weltwirtschaftliche Aktivität hin. Der Produktionsanstieg in den Industrieländern hat sich ebenfalls günstiger entwickelt als erwartet. Allerdings ist der Konjunkturaufschwung nicht zuletzt auf den Umschwung bei den Lagerdispositionen der Unternehmen und auf eine in den meisten Ländern immer noch expansiv wirkende Finanzpolitik zurückzuführen, also auf Faktoren, die im Prognosezeitraum ihre stimulierende Wirkung allmählich verlieren oder – wie im Fall der Finanzpolitik – sogar restriktiv wirken werden.

Abbildung 1: Weltwirtschaftliche Aktivität 1998-2010

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aAuf Basis von Stimmungsindikatoren aus 41 Ländern. —
 bVeränderung gegenüber dem Vorjahr; 1. Quartal 2010 teilweise geschätzt.

In jüngster Zeit haben sich zudem die konjunkturellen Rahmenbedingungen wieder eingetrübt. Hierzu trug zum einen die Vertrauenskrise im Euroraum bei, in deren Folge sich die Volatilität an den Finanzmärkten deutlich erhöht hat und es zu einem Rückzug vieler Investoren aus Vermögensanlagen mit höheren Risiken gekommen ist. Zum anderen leiteten die Regierungen in wichtigen Schwellenländern, insbesondere in China, Indien und Brasilien, eine Straffung der Wirtschaftspolitik ein, um einer konjunkturellen Überhitzung und dem Entstehen von Vermögenspreisblasen entgegenzuwirken. Zusätzlich wird die Finanzpolitik in nahezu allen Industrieländern gleichzeitig und zum Teil deutlich gestrafft. Daher erwarten wir für den Prognosezeitraum eine merklich verringerte Dynamik der Weltkonjunktur. Allerdings dürfte die Weltproduktion deutlich aufwärts gerichtet bleiben, wenn es der Wirtschaftspolitik gelingt, die Irritationen an den Finanzmärkten zu begrenzen und eine harte Landung in den Schwellenländern zu verhindern. Die Risiken für einen konjunkturellen Rückschlag sind mit der Vertrauenskrise im Euroraum aber deutlich gestiegen.

Finanzpolitik: Einstieg in die Konsolidierung

Die Möglichkeiten der Finanzpolitik zur Konjunkturstimulierung sind bei zum Teil zweistelligen Defizitquoten und rasch steigenden Schuldenständen offensichtlich in den meisten Ländern ausgereizt, und ein baldiger und überzeugender Einstieg in eine fiskalische Konsolidierung erscheint vielen Regierungen – auch unter dem Druck der Finanzmärkte – geboten. So hat vor allem eine Reihe europäischer Länder inzwischen eine erhebliche finanzpolitische Straffung eingeleitet oder für das kommende Jahr angekündigt. In den Vereinigten Staaten und in Japan wird für 2011 ebenfalls eine Rückführung der strukturellen Budgetdefizite angestrebt; allerdings stehen diese Pläne in hohem Maße unter dem Vorbehalt einer fortgesetzten Konjunkturerholung.

Wenn sich viele Länder gleichzeitig zu einer deutlichen Straffung der Finanzpolitik entschließen, besteht ein potentielles Problem darin, dass sich dann die negativen Nachfrageschocks gegenseitig verstärken können. Simulationen mit dem makroökonometrischen Weltmodell NiGEM zeigen allerdings, dass die Auswirkungen einer beträchtlichen fiskalischen Straffung – gerechnet wurde mit Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen in der Größenordnung von knapp 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – auf die Produktion bei einer synchronen fiskalischen Restriktion, nicht notwendigerweise massiv verstärkt werden, wenn die Geldpolitik vorausschauend und in ausreichendem Maße lockert, um den kontraktiven Wirkungen der Fiskalpolitik entgegenzuwirken. Angesichts des gegenwärtigen extrem niedrigen Niveaus der Notenbankzinsen und der Schwierigkeit im Umfeld sehr niedriger Kerninflation die Realzinsen deutlich unter null zu drücken, besteht aber das Risiko, dass ein angemessener zusätzlicher geldpolitischer Stimulus nicht gegeben werden kann.

Geldpolitik zwischen Konjunkturstimulierung und Stabilitätsziel

Die Geldpolitik steht vor der Herausforderung, das Vertrauen in den Willen und die Fähigkeit der Zentralbanken, auf mittlere Sicht Preisniveaustabilität zu gewährleisten, nicht zu gefährden. Sowohl die Fed als auch die EZB haben damit begonnen, zur Stützung des Finanzsystems eingeführte Maßnahmen zurückzuführen. Auf der anderen Seite dämpfen die finanzpolitischen Konsolidierungsbemühungen, die für dieses und vor allem das nächste Jahr absehbar sind, für sich genommen die Konjunktur spürbar und wirken auf mittlere Sicht preisdämpfend. Die Geldpolitik dürfte in diesem Umfeld bis auf Weiteres eine stark expansive Ausrichtung beibehalten. Wir rechnen für den Prognosezeitraum nicht mit einem nennenswerten Anziehen der geldpolitischen Zügel durch die Notenbanken in den Vereinigten Staaten, im Euroraum und in Japan. In den Schwellenländern, aber auch in einigen Industrieländern, wie etwa Australien, Norwegen und Kanada, stellt sich die Situation hingegen deutlich anders dar, und in einer Reihe von Ländern ist bereits eine geldpolitische Straffung eingeleitet worden.

Ausblick: Konjunkturelle Expansion verlangsamt sich

Gegenwärtig deuten die Frühindikatoren zumeist noch darauf hin, dass die Expansion der Produktion kräftig bleibt. Im Frühjahrsquartal dürfte die Weltwirtschaft nochmals deutlich zugelegt haben. Für das zweite Halbjahr 2010 und besonders für 2011 erwarten wir aber eine spürbare Abschwächung der weltwirtschaftlichen Dynamik. Maßgeblich hierfür ist zum einen, dass die wirtschaftspolitischen Impulse, die den Aufschwung in Gang gebracht haben, geringer werden. Zum anderen werden die in den vergangenen Quartalen beträchtlichen Impulse vom Lagerzyklus in den Industrieländern nachlassen. Im Euroraum wird die Konjunktur darüber hinaus durch die Vertrauenskrise an den Finanzmärkten belastet, die insbesondere in den Ländern der Peripherie zu zum Teil drastischen Sparanstrengungen der öffentlichen Haushalte zwingt. In den Schwellenländern dürfte sich die derzeit sehr hohe konjunkturelle Dynamik infolge einer Straffung der Wirtschaftspolitik, aber auch als Resultat der geringeren Expansion der Nachfrage in den Industrieländern im Prognosezeitraum verringern. Eine drastische Abschwächung der Konjunktur erwarten wir jedoch nicht.

Insgesamt rechnen wir mit einem Anstieg der Weltproduktion, der sich in diesem Jahr infolge der starken Dynamik bis zur Jahresmitte mit 4,4 Prozent auf eine Rate beläuft, die ähnlich hoch ist wie in den Boomjahren vor der Rezession (Tabelle). Im kommenden Jahr dürfte sich die Zuwachsrate des realen Bruttoinlandsprodukts auf 3,7 Prozent verringern, eine Rate, bei der die Auslastung der globalen Kapazitäten wohl nicht mehr zunimmt. Die Arbeitslosenquote in den Industrieländern wird vorerst nur wenig sinken. Vor diesem Hintergrund wird die Inflation voraussichtlich gering bleiben, wenngleich ein Anziehen der Inflationserwartungen angesichts der Dimension der zur Stützung des Finanzsektors in das System gegebenen Liquidität ein gewichtiges Risiko darstellt.

Reales Bruttoinlandsprodukt und Verbraucherpreise in ausgewählten Ländern und Regionen 2009–2011 (Vorjahresvergleich in Prozent)

 BruttoinlandsproduktVerbraucherpreise
 2009 2010a 2011a 2009 2010a 2011a
Vereinigte Staaten–2,43,02,4–0,31,71,3
Japan–5,23,21,8–1,4–0,7  –0,4  
Euroraum–4,21,31,3  0,81,81,4
Vereinigtes Königreich–4,91,61,5  2,23,52,1
Industrieländer insgesamt–3,52,31,8  0,11,41,2
China  8,610,7 8,8–0,75,52,5
Ostasienb  0,05,84,0  1,82,52,9
Lateinamerika–2,43,93,3  6,56,26,3
Indien  5,78,45,510,98,25,9
Russland–7,94,44,311,78,18,8
Weltwirtschaft insgesamt–1,04,43,7  3,14,13,5
Nachrichtlich:
Welthandelsvolumen
–11,5 12,0 8,0...
Ölpreis (US-Dollar/Barrel) 61,976,2 75,0 ...

aPrognose von Dezember 2009. — bOhne China, Indien und Japan.

 

Kurzfassung Kieler Diskussionsbeitrag 481/482 von Jens Boysen-Hogrefe, Jonas Dovern, Klaus-Jürgen Gern, Nils Jannsen, Björn van Roye und Joachim Scheide „Weltkonjunktur kommt in schwierigeres Fahrwasser".

Fachliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Joachim Scheide
Tel: 0431-8814-264

Dr. Klaus-Jürgen Gern
Tel: 0431-8814-262