Schwellenländer tragen die Expansion der Weltwirtschaft
Pressemitteilung vom 11. März 2010
Die Erholung der Weltwirtschaft hat im zweiten Halbjahr 2009 vor allem infolge einer raschen Expansion von Produktion und Handel in den Entwicklungs- und Schwellenländern eine beträchtliche Dynamik erreicht. In den Industrieländern war der Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts allerdings weniger schwungvoll und wurde zudem von vorübergehenden Faktoren getrieben, deren Fortfall die Konjunktur im Prognosezeitraum dämpfen wird. So erwarten wir für 2010 weiterhin eine nur mäßige Ausweitung des globalen Bruttoinlandsprodukts, die mit 3,7 Prozent deutlich unter den in den Jahren vor der Krise verzeichneten Wachstumsraten bleibt. Für 2011 haben wir unsere Prognose vom Dezember sogar leicht – von 3,9 auf 3,6 Prozent – reduziert, da sich abzeichnet, dass die Wirtschaftspolitik in den Schwellenländern bereits recht bald gestrafft wird und der Produktionsanstieg in dieser Ländergruppe daher etwas geringer ausfällt als bislang prognostiziert.
Die weltwirtschaftliche Erholung hat im zweiten Halbjahr 2009 eine beträchtliche Dynamik erreicht. Im vierten Quartal stieg das globale Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorquartal erneut mit einer laufenden Jahresrate von schätzungsweise 4 Prozent; sein Niveau vom entsprechenden Vorjahresquartal hat es zuletzt wieder merklich überschritten. Der auf Stimmungsindikatoren aus 41 Ländern basierende IfW-Indikator für die weltwirtschaftliche Aktivität ist stark gestiegen und lässt für den Jahresbeginn auf eine anhaltende konjunkturelle Aufwärtsentwicklung schließen (Abbildung 1). Allerdings sind im Zusammenhang mit den Problemen bei der Refinanzierung der griechischen Staatsschulden, aber auch mit ersten Bremsmanövern der Geldpolitik die Unsicherheiten stärker in den Vordergrund getreten, die insbesondere darüber bestehen, welche Konsequenzen die extrem expansive Wirtschaftspolitik auf mittlere Sicht haben wird. So haben sich die Rahmenbedingungen für die weltwirtschaftliche Expansion seit der Jahreswende merklich verschlechtert.
Abbildung 1: Weltwirtschaftliche Aktivität 1998–2010
aAuf Basis von Stimmungsindikatoren aus 41 Ländern. — bVeränderung gegenüber dem Vorjahr; 4. Quartal 2009 teilweise geschätzt.
Erholung der Weltkonjunktur mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten
Gleichzeitig ist die Dynamik der wirtschaftlichen Erholung sehr differenziert. In den Entwicklungs- und Schwellenländern war sie erheblich größer als in den Industrieländern. Dies zeigt sich beispielsweise bei der Entwicklung der Industrieproduktion (Abbildung 2). Während sie in den Entwicklungs- und Schwellenländern ihr Vorkrisenniveau bereits im Sommer 2009 wieder erreichte und am Jahresende rund 5 Prozent darüber lag, ist der krisenbedingte Rückgang in den Industrieländern erst zu einem geringen Teil wettgemacht worden. Bedenklich stimmt darüber hinaus, dass der Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion in den Industrieländern im zweiten Halbjahr zu einem wesentlichen Teil auf temporäre Impulse von staatlichen Konjunkturprogrammen und Veränderungen bei den Lagerdispositionen der Unternehmen zurückzuführen ist, die sich so nicht wiederholen dürften.
Abbildung 2: Weltweite Industrieproduktion 2006–2009
Finanzpolitik vor großen Herausforderungen
Die Budgetdefizite in den Industrieländern sind im Zuge der Finanzkrise weltweit auf ein in Friedenszeiten nicht gekanntes Niveau gestiegen. Die expansive Finanzpolitik hatte großen Anteil daran, dass die Talfahrt der Konjunktur im vergangenen Jahr gestoppt wurde, doch treten nun verstärkt die Fragen nach den mittelfristigen Belastungen durch die galoppierende Staatsverschuldung in den Vordergrund. An den Finanzmärkten wird inzwischen jedoch die Solvenz des Staates in einigen kleineren Industrieländern ernsthaft in Zweifel gezogen, und es wird zunehmend dringlich, glaubwürdige Konsolidierungsstrategien zu präsentieren, um das Vertrauen der Märkte zu stabilisieren. Für das laufende Jahr sind Einschnitte bei Staatsausgaben und Steuererhöhungen zur Eindämmung der Defizite trotz der in zahlreichen Ländern desolaten Finanzlage des Staates nur in wenigen, zumeist kleineren Ländern beschlossen worden oder noch zu erwarten. Im kommenden Jahr wird die Finanzpolitik dann aber in vielen Ländern zum Teil deutlich restriktiv wirken, weil zum einen die Konjunkturprogramme auslaufen, zum anderen in den meisten großen Ländern begonnen wird, die strukturellen Haushaltsdefizite zu reduzieren.
Ausblick: Weltwirtschaft expandiert mit mäßiger Dynamik
Trotz des kräftigen Anstiegs der Stimmungsindikatoren erwarten wir nicht, dass dem Einbruch der Produktion im vergangenen Jahr nun ein ebenso kräftiger Aufschwung in den Industrieländern folgt. Nach wie vor belasten die Anpassungsprozesse die wirtschaftliche Aktivität, die durch das Platzen von Immobilienpreisblasen, niedrigere Aktienkurse sowie die Turbulenzen an den Finanzmärkten ausgelöst wurden und die vielfach zu höherer Sparneigung, Investitionszurückhaltung und ausgeprägterem Risikobewusstsein geführt haben. Hinzu kommen nun verstärkt die Unsicherheiten, die aus der massiven Reaktion der Wirtschaftspolitik resultieren, denn über kurz oder lang müssen die Geldpolitik normalisiert und die Staatshaushalte konsolidiert werden. So dürfte das Bruttoinlandsprodukt in den Industrieländern im Prognosezeitraum nach dem starken Rückgang um 3,5 Prozent im vergangenen Jahr nur moderat – um 1,6 Prozent in diesem und 1,9 Prozent im nächsten Jahr – expandieren (Tabelle).
Gleichzeitig verliert die bislang recht dynamische Erholung in den Schwellenländern als Folge wirtschaftspolitischer Straffung und der Tatsache, dass die krisenbedingten Einbußen inzwischen vielfach weitgehend aufgeholt sind, merklich an Fahrt. Alles in Allem wird die Weltproduktion 2010 und 2011 mit Raten von 3,7 Prozent bzw. 3,6 Prozent nur in moderatem Tempo zunehmen. Der Welthandel steigt in diesem Jahr sehr kräftig, um knapp 10 Prozent, doch resultiert dies zu einem großen Teil aus dem hohen statistischen Überhang, der sich aufgrund der sehr starken Zuwächse im zweiten Halbjahr 2009 ergibt. Im Verlauf des Jahres 2010 wird die Expansionsrate ebenso wie im Jahresdurchschnitt 2011 mit etwa 6,5 Prozent deutlich geringer sein.
Reales Bruttoinlandsprodukt und Verbraucherpreise in ausgewählten Ländern und Regionen 2009–2011 (Vorjahresvergleich in Prozent)
| Bruttoinlandsprodukt | Verbraucherpreise | |||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 2009 | 2010a | 2011a | 2009 | 2010a | 2011a | |
| Vereinigte Staaten | –2,4 | 2,5 | 2,2 | –0,3 | 1,6 | 1,2 |
| Japan | –5,0 | 2,2 | 1,5 | –1,4 | –0,7 | –0,4 |
| Euroraum | –4,1 | 0,7 | 1,5 | 0,3 | 0,7 | 1,0 |
| Vereinigtes Königreich | –5,0 | 0,4 | 1,6 | 2,1 | 2,3 | 1,4 |
| Industrieländer insgesamt | –3,5 | 1,6 | 1,9 | 0,2 | 1,1 | 1,0 |
| China | 8,6 | 9,4 | 8,2 | –0,7 | 2,8 | 2,5 |
| Ostasienb | 0,0 | 5,5 | 4,0 | 1,8 | 2,5 | 2,9 |
| Lateinamerika | –2,4 | 3,9 | 3,0 | 6,4 | 6,2 | 6,3 |
| Indien | 5,7 | 6,2 | 5,5 | 10,9 | 8,2 | 5,9 |
| Russland | –7,9 | 3,9 | 4,5 | 11,7 | 8,1 | 8,8 |
| Weltwirtschaft insgesamt | –1,0 | 3,7 | 3,6 | 3,1 | 3,6 | 3,3 |
| Nachrichtlich: Welthandelsvolumen | –11,5 | 9,5 | 6,5 | . | . | . |
| Ölpreis (US-Dollar/Barrel) | 61,9 | 75,1 | 75,0 | . | . | . |
aPrognose von Dezember 2009. — bOhne China, Indien und Japan. | ||||||
Kurzfassung Kieler Diskussionsbeitrag 476/477 von Jonas Dovern, Klaus-Jürgen Gern, Nils Jannsen, Björn van Roye und Joachim Scheide „Schwellenländer tragen die Expansion der Weltwirtschaft".
Fachliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Joachim Scheide
Tel: 0431-8814-264
Dr. Klaus-Jürgen Gern
Tel: 0431-8814-262