Moderate Erholung in Deutschland – Arbeitsmarkt in erstaunlich guter Verfassung
Pressemitteilung vom 11. März 2010
Nach einem deutlichen Produktionsumschwung im Sommer 2009 ist die konjunkturelle Erholung in Deutschland ins Stocken geraten. Im ersten Quartal 2010 dürfte das reale Bruttoinlandsprodukt aufgrund der ungewöhnlich kalten Witterung sogar gesunken sein. Die Einbußen dürften jedoch im weiteren Jahresverlauf aufgeholt werden. Unsere Prognose für den Anstieg des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2010 bleibt unverändert bei 1,2 Prozent. Die Zunahme im Jahr 2011 setzen wir mit 1,8 Prozent etwas niedriger an als in unserer Prognose vom Dezember (2,0 Prozent), vor allem weil die für 2011 geplante Senkung der Einkommensteuer geringer ausfallen dürfte als damals erwartet. Die Zahl der Arbeitslosen wird 2010 deutlich weniger zunehmen als bisher prognostiziert, 2011 wird sie sogar spürbar sinken.
Die Konjunktur in Deutschland ist nach wie vor fragil. Nach einem deutlichen Umschwung im vergangenen Sommer ist die Erholung der Konjunktur ins Stocken geraten, im Schlussquartal 2009 stagnierte das reale Bruttoinlandsprodukt. Für das erste Quartal dieses Jahres erwarten wir, dass das reale Bruttoinlandsprodukt spürbar gesunken ist. Ausschlaggebend ist zum einen, dass die konjunkturelle Grundtendenz nach wie vor schwach ist. Zwar haben sich die Stimmungsindikatoren weiter verbessert, doch war die Dynamik nicht groß; zudem war die Produktion in der Industrie zuletzt nur leicht aufwärtsgerichtet. Zum anderen hat der strenge Winter zu einem Einbruch bei der Bautätigkeit geführt; auch der Einzelhandel hat Umfragen zufolge unter der kalten Witterung in den ersten beiden Monaten dieses Jahres gelitten. Erfahrungsgemäß werden die Produktionseinbußen in der Bauwirtschaft allerdings rasch aufgeholt. Alles in allem gibt es keinen Grund, unsere Prognose vom vergangenen Dezember zu korrigieren. Für das Jahr 2010 rechnen wir weiterhin mit einem Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts um 1,2 Prozent.
Vor einem Rückgang der Arbeitslosigkeit
Die Lage am Arbeitsmarkt ist weiterhin erstaunlich positiv. Die Arbeitslosenquote ist im Verlauf der Rezession nur geringfügig gestiegen und betrug zuletzt 8,2 Prozent. Die Zahl der Erwerbstätigen hat zur Jahreswende 2009/10 sogar leicht zugenommen. Dabei war die Zahl der Kurzarbeiter weiter rückläufig. Für das Jahr 2010 lassen die vorliegenden Tarifabschlüsse eine spürbare Verlangsamung des Lohnanstiegs erwarten, und auch 2011 bleibt der Anstieg insgesamt moderat, auch wenn er stärker ausfallen dürfte als im laufenden Jahr. Die Arbeitsnachfrage erhält im Prognosezeitraum insofern von der Arbeitskostenentwicklung Impulse. Allerdings wirken dämpfende Effekte aus dem Vorjahr nach, als die Lohnstückkosten deutlich schneller gestiegen waren. Vor diesem Hintergrund erwarten wir eine moderate Zunahme des Arbeitsvolumens im Prognosezeitraum.
Die darauf aufbauende Prognose der Zahl der Erwerbstätigen hängt entscheidend vom projizierten Verlauf der Arbeitszeit je Erwerbstätigen ab, die in der Rezession sehr deutlich gesunken war. Entgegen unserer Prognose vom vergangenen Dezember gehen wir nunmehr davon aus, dass die Arbeitszeit in diesem und im nächsten Jahr nur leicht steigen wird. Hintergrund ist der langjährige Trend zur Verminderung der Arbeitszeit je Erwerbstätigen. Dieser dürfte sich, anders als bisher unterstellt, in den vergangenen Jahren kaum vermindert haben, denn die Hauptursache für den Rückgang der Arbeitszeit, die Zunahme der Teilzeitbeschäftigung, hat sich unvermindert fortgesetzt. Die in den Jahren 2006 bis 2008 zu beobachtende Stagnation der Arbeitszeit kann als Abweichung vom langjährigen Trend interpretiert werden, die der guten Konjunktur in Verbindung mit flexibleren tarifvertraglichen Arbeitszeitregelungen, insbesondere der verstärkten Nutzung von Arbeitszeitkonten, geschuldet war. Unsere Annahme einer nur leicht steigenden Arbeitszeit je Erwerbstätigen impliziert, dass sich das prognostizierte Arbeitsvolumen auf eine größere Zahl von Erwerbstätigen verteilt als bei einer stärkeren Zunahme. Entsprechend ergibt sich 2010 nur noch ein leichter Rückgang der Erwerbstätigkeit, 2011 dürfte sie bereits wieder steigen.
Ausblick: Konjunkturelle Erholung gewinnt allmählich an Breite
Nach einem schwachen Start dürfte die gesamtwirtschaftliche Produktion im Verlauf dieses Jahres wieder zulegen. Dabei wird das Expansionstempo allerdings moderat sein – abgesehen von dem Aufholeffekt, der zu erwarten ist, wenn die Bauinvestitionen kräftig zulegen, weil der witterungsbedingte Produktionsausfall ausgeglichen wird. Die Inlandsnachfrage wird vor allem durch die staatlichen Maßnahmen angeregt. So profitieren die privaten Haushalte von spürbaren Steuerentlastungen. Auch ist mit einem nur geringen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu rechnen. Alles in allem werden die real verfügbaren Einkommen deutlich zunehmen, so dass die privaten Konsumausgaben im Verlauf des Jahres recht kräftig ausgeweitet werden. Daneben dürften die öffentlichen Bauinvestitionen deutlich zulegen, gefördert durch die staatlichen Investitionsprogramme. Bei den Ausrüstungsinvestitionen dürfte die Talsohle erreicht sein. Zwar ist die gesamtwirtschaftliche Kapazitätsauslastung immer noch sehr niedrig, die Absatzerwartungen der Unternehmen haben sich aber aufgehellt. Die Exportnachfrage wird lebhaft bleiben. Allerdings dürften die Impulse begrenzt sein, da die konjunkturelle Expansion in den wichtigsten Handelspartnerländern nur verhalten sein wird. So nimmt das reale Bruttoinlandsprodukt in den Industrieländern, insbesondere im Euroraum, weiterhin nur sehr mäßig zu. Der Wachstumsbeitrag des Außenhandels wird im Jahr 2010 gering ausfallen, da die Importe im Jahresverlauf stärker expandieren werden als die Exporte.
Alles in allem erwarten wir, dass die konjunkturelle Erholung etwas an Breite gewinnt. Das reale Bruttoinlandsprodukt wird in diesem Jahr um voraussichtlich 1,2 Prozent steigen. Der Preisauftrieb wird verhalten bleiben. Auf dem Arbeitsmarkt wird die Lage wohl weiterhin relativ günstig sein, die Arbeitslosigkeit wird im Jahresdurchschnitt kaum steigen. Das Budgetdefizit des Staates wird etwas mehr als 5 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt betragen.
Im Verlauf des kommenden Jahres dürfte sich die Erholung in leicht beschleunigtem Tempo fortsetzen. Die Zuwachsrate des realen Bruttoinlandsprodukts wird mit 1,8 Prozent höher ausfallen als im Jahr 2010, auch weil der statistische Überhang am Jahresende größer sein dürfte als Ende 2009. Gestützt wird die konjunkturelle Expansion erneut durch expansive Maßnahmen des Staates; so unterstellen wir, dass die Einkommensteuer gesenkt wird. Besonders dürfte der private Konsum hiervon profitieren. Er wird ebenfalls angeregt durch den Anstieg der Erwerbstätigkeit; im kommenden Jahr dürfte die Zahl der Arbeitslosen mit knapp 3,3 Mill. Personen niedriger sein als im Vorjahr. Auch die Unternehmensinvestitionen werden vor dem Hintergrund der – wenn auch nur leicht – zunehmenden Kapazitätsauslastung weiter anziehen. Hingegen laufen die Impulse für die Bauwirtschaft allmählich aus, die Bauinvestitionen werden daher etwas langsamer ausgeweitet werden als im laufenden Jahr. Während die Inlandsnachfrage demnach einen großen Beitrag zum Anstieg der Produktion liefert, lassen die Impulse aus dem Ausland etwas nach, denn voraussichtlich wird die konjunkturelle Expansion in wichtigen Handelspartnerländern etwas an Fahrt verlieren. Auch im kommenden Jahr wird der Preisauftrieb mäßig sein. Das Budgetdefizit des Staates dürfte abermals etwas mehr als 5 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt betragen. Zwar wird die Lage der öffentlichen Finanzen durch die bessere Konjunktur entlastet. Dem wirkt aber entgegen, dass die Steuern gesenkt werden und bei den Staatsausgaben nur wenig gespart wird.
Tabelle: Eckdaten zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland 2008–2011
| 2008 | 2009 | 2010a | 2011a | |
|---|---|---|---|---|
| Bruttoinlandsprodukt (BIP)b | 1,3 | -5,0 | 1,2 | 1,8 |
| Erwerbstätige im Inlandc | 40 279 | 40 266 | 40 124 | 40 166 |
| Arbeitslosec | 3 268 | 3 423 | 3 443 | 3 275 |
| Verbraucherpreised | 2,6 | 0,3 | 0,6 | 0,8 |
| Finanzierungssaldo des Staates in Prozent des BIP | 0,0 | -3,3 | -5,2 | -5,1 |
| Schuldenstand in Prozent des BIP | 65,9 | 72,6 | 76,3 | 79,6 |
| aPrognose vom März 2010. — bIn Vorjahrespreisen, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent. — c1000 Personen. — dPreisindex für die Lebenshaltung aller privaten Haushalte, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent. | ||||
Kurzfassung Kieler Diskussionsbeitrag 476/477 von Alfred Boss, Jonas Dovern, Dominik Groll, Carsten-Patrick Meier, Björn van Roye und Joachim Scheide „Moderate Erholung in Deutschland – Arbeitsmarkt in erstaunlich guter Verfassung".
Fachliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Joachim Scheide
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Dr. Carsten-Patrick Meier
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