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22.05.2012
 
 
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Pressemitteilung des IfW vom 3. Juni 2009

Globalisierung in der Wirtschaftskrise:
Wie sicher sind die Jobs in Deutschland?

Wie viele und welche Arbeitsplätze sind potenziell von einer Verlagerung ins Ausland bedroht, wenn heimische Unternehmen als Antwort auf die gegenwärtige Wirtschaftskrise vermehrt inländische Standorte auf den Prüfstand stellen und Produktionsstätten auslagern? Dieser Frage sind Klaus Schrader und Claus-Friedrich Laaser vom Kieler Institut für Weltwirtschaft in ihrem Kieler Diskussionsbeitrag Nr 465 nachgegangen. Ihr Ergebnis sollte zum Nachdenken anregen, obwohl es sich nur um die potenzielle Verlagerbarkeit von Arbeitsplätzen handelt: In Deutsch­land sind danach die Arbeitsplätze von etwa 42 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten potenziell ins Ausland verlagerbar, davon können mehr als 11 Prozent der Arbeitsplätze sogar als „leicht verlagerbar“ gelten. Und: Eine potenzielle Verlagerbarkeit ist auf allen Qualifikationsstufen der Beschäftigung gegeben – ein statistischer Zusammenhang zwischen Verlagerungsrisiko und Qualifikationsanfor­derungen besteht nicht.

Die Untersuchung zeigt ferner, dass am anderen Ende der Verlagerungsskala über 38 Prozent der Arbeitsplätze als „überhaupt nicht verlagerbar“ gelten können und damit als relativ „globalisierungsfern“ einzustufen sind. In einer Art von Grauzone befinden sich 19 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die „kaum verlagerbar“ sind, bei denen eine Verlagerung jedoch nicht völlig auszuschließen ist.

In absoluten Zahlen ausgedrückt beträgt das unmittelbare Verlagerungspotenzial etwa 11,3 Millionen Arbeitsplätze. In regionaler Perspektive wäre Westdeutschland von einer Verlagerung deutlich stärker betroffen, und das nicht nur, weil sein Anteil an der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in Deutschland etwa 81 Prozent beträgt. Denn aufgrund der Wirtschaftsstruktur fällt das westdeutsche Verlagerungspotenzial überproportional aus: in Westdeutschland sind knapp 44 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten potenziell verlagerbar, in Ostdeutschland nur 36 Prozent der Arbeitsplätze. Demgegenüber fällt auf, dass mit etwa 45 Prozent der Anteil „überhaupt nicht verlagerbarer“ Arbeitsplätze im Osten relativ groß ist.

Das Ergebnis der Untersuchung ist vornehmlich auf einen weiterhin hohen Industrieanteil in Westdeutschland zurückzuführen. Gerade Industriearbeitsplätze sind aufgrund der nahezu uneingeschränkten Handelbarkeit von Industriegütern fast stets verlagerbar. Für Dienstleistungsarbeitsplätze ergibt sich ein polares Verlagerungsrisiko: Einerseits dominiert zwar immer noch der Anteil klassischer Dienstleistungstätigkeiten, die am Ort des Konsums erbracht werden müssen und damit nicht verlagerbar sind. Andererseits wächst aber der Anteil der Arbeitsplätze im Bereich digitalisierbarer und damit handelbarer Dienstleistungen. Hier ist das Risiko der Verlagerung sogar noch höher als bei einem durchschnittlichen Industriearbeitsplatz, da der Handel von Dienstleistungen über IT-Netze besonders geringe Anforderungen an die Ortsgebundenheit der benötigten Dienstleistungsarbeitsplätze stellt. Insofern trägt auch ein wachsender Teil von meist hochwertigen Dienstleistungsarbeitsplätzen zum höheren Verlagerungsrisiko bei.

Die Studie zeigt ferner, dass nicht nur ein eindeutiger statistischer Zusammenhang zwischen Qualifikation und Verlagerbarkeitsrisiko fehlt – tendenziell unterliegen Arbeitsplätze Höherqualifizierter sogar einem zunehmend größeren Verlagerungsrisiko. Hingegen sind die Arbeitsplätze mit einem relativ geringen Verlagerungsrisiko überwiegend im Bereich personenbezogener und damit nicht handelbarer Dienstleistungen mit geringeren Qualifikationsanforderungen angesiedelt. Mit einem geringen Verlagerungsrisiko geht häufig auch ein relativ geringes Einkommen einher. Die Niedriglohnbezieher in Deutschland weisen ein weitaus geringeres Verlagerungsrisiko als die höher entlohnten Beschäftigten auf. Dies hat zur Folge, dass mit einer zunehmenden Verlagerung von Arbeitsplätzen auch ein fühlbarer Wohlstandsverlust in Deutschland verbunden wäre.

Vor diesem Hintergrund besteht die langfristige wirtschaftspolitische Heraus­forderung darin, den Bestand an Arbeitsplätzen zu sichern, ohne gleichzeitig Einkommensverluste hinzunehmen. Letztlich hat die Wirtschaftspolitik keine andere Wahl, als auf breiter Front eine bildungspolitische Offensive zur konsequenten Höherqualifizierung der heimischen Arbeitnehmer zu starten. Dabei sollte die Förderung hochwertiger Berufe und Qualifikationen, selbst wenn sie prinzipiell leicht ins Ausland verlagert werden könnten, als Chance zur Wahrung des nach wie vor bestehenden deutschen Einkommensvorsprungs gesehen werden. Die Autoren betonen, dass für die Ausgestaltung der Humankapitalbildung im Zeitalter der Globalisierung entscheidend sei, die Prinzipien des lebenslangen Lernens und der beruflichen Flexibilisierung fest in den Bildungswegen zu verankern. Von den verstärkten Qualifizierungsanstrengungen dürfe keine Bildungsstufe und kein Bildungsweg ausgenommen werden, für Arbeitnehmer aller Altersstufen müssten Weiterbildungsangebote verfügbar sein. Dabei handele es sich nicht um eine exklusive staatliche Aufgabe, vielmehr sollte das Bewusstsein weiterentwickelt werden, dass es auch im langfristigen Interesse der Unternehmen ist, ausreichende Mittel für die Pflege der eigenen Humankapitalbasis aufzuwenden.

Kieler Diskussionsbeitrag 465

Fachliche Ansprechpartner:

Dr. Klaus Schrader
Tel. +49 (0) 431-8814-280

Dr. Claus-Friedrich Laaser
Tel. +49 (0) 431-8814-463