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Pressemitteilung des IfW vom 22. Dezember 2008

Weltkonjunktur auf Talfahrt

Die Phase starker Expansion der Weltwirtschaft ist im Jahr 2008 zu Ende gegangen. Die Zuspitzung der Finanzmarktkrise im September hat Schockwellen durch die Weltwirtschaft gesandt, und negative Rückkopplungseffekte haben zu einer ungewöhnlich starken Abwärtsdynamik geführt, die zunehmend auch die Schwellenländer erfasst hat. Gegen Jahresende ist die weltwirtschaftliche Aktivität regelrecht eingebrochen. In einer Reihe von Ländern ist der Abschwung Ausdruck der Korrektur von makroökonomischen Ungleichgewichten, insbesondere von Übersteigerungen am Immobilienmarkt, die in der Regel geraume Zeit in Anspruch nehmen und eine konjunkturelle Erholung verzögern. Trotz aller Anstrengungen der Regierungen und Notenbanken um eine Stabilisierung der Banken und eine Stimulierung der Konjunktur dürfte sich die Weltwirtschaft noch geraume Zeit, voraussichtlich über das gesamte kommende Jahr, auf Talfahrt befinden und sich anschließend nur zögerlich beleben. Wir haben unsere Prognose für den Anstieg der Weltproduktion drastisch von 3,3 Prozent (September) auf 0,4 Prozent reduziert. In den Industrieländern dürfte die Wirtschaft sogar um 1,5 Prozent schrumpfen. Dies wäre die schwerste Rezession seit Ende des zweiten Weltkriegs.

Konjunkturelle Talfahrt aller Orten

Die Phase starker Expansion der Weltwirtschaft ist im Jahr 2008 zu Ende gegangen. Der Abschwung hat nach der Jahresmitte zunehmend an Dynamik gewonnen. Der von uns berechnete Indikator für die weltwirtschaftliche Aktivität ist im zweiten Halbjahr 2008 dramatisch zurückgegangen, nachdem er bereits seit Mitte 2007 abwärts gerichtet war (Abbildung 1).

Abbildung 1: Weltwirtschaftliche Aktivität 1998–2008

Abbildung

aAuf Basis von Stimmungsindikatoren aus 41 Ländern. — bVeränderung gegenüber dem Vorjahr; 3.Quartal 2008 teilweise geschätzt.

Quelle: OECD (2008a); nationale Quellen; eigene Berechnungen.

In den Industrieländern schwächte sich die Konjunktur nach einem nochmals recht kräftigen Produktionsanstieg zu Jahresbeginn im Verlauf von 2008 zusehends ab. Anders als in der weltwirtschaftlichen Schwächephase zu Beginn der 1990er Jahre, als die großen Industrieländer in erheblichem zeitlichen Abstand in die Rezession gingen, verläuft der Einbruch der Konjunktur derzeit synchron. Negative Rückkopplungseffekte haben zu einer ungewöhnlich starken Abwärtsdynamik geführt. In allen großen Industrieländern sind die umfragebasierten Stimmungsindikatoren in den vergangenen Monaten regelrecht abgestürzt, sind die Auftragseingänge eingebrochen und geht die Industrieproduktion stark zurück.

Der Nachfragerückgang in den Industrieländern und eine Verschlechterung des Umfeldes von seiten der Finanzmärkte haben im Verlauf des Jahres 2008 nach und nach auch den Aufschwung in den Schwellenländern beendet. War die wirtschaftliche Dynamik im ersten Halbjahr im Allgemeinen noch hoch, so hatte sich der Produktionsanstieg im dritten Quartal bereits in einer Reihe von Ländern – vor allem im asiatischen Raum – deutlich verlangsamt. Gegen Jahresende dürfte sich die Konjunktur nahezu überall stark abgeschwächt haben.

Inflation auf dem Rückzug

Der Anstieg der Verbraucherpreise erreichte im Sommer seinen Höhepunkt und ist seither spürbar zurückgegangen. In den Industrieländern insgesamt sank die Inflationsrate von 4,6 Prozent im Juli auf 3,2 Prozent im Oktober; im November nahm sie weiter auf schätzungsweise 1,6 Prozent ab. Maßgeblich für den Rückgang der Inflation ebenso wie für ihren Anstieg zuvor war die Entwicklung der Rohstoffpreise. Sie brachen als Folge der konjunkturbedingt geringeren Nachfrage ein. Für die Prognose unterstellen wir, dass der Ölpreis über den Prognosezeitraum auf dem gegenwärtigen Niveau verharrt. Von den deutlich niedrigeren Rohstoffpreisen dürften stabilisierende Wirkungen für die Weltkonjunktur ausgehen. Die Erfahrung mit der Reaktion der wirtschaftlichen Aktivität auf den starken Anstieg der Rohstoffpreise nach dem Jahr 2002 und besonders in den Jahren 2006 und 2007 zeigt aber, dass diese Wirkungen eher in der mittleren Frist sichtbar werden.

Wirtschaftspolitik im Kampf gegen die Krise

Maßgeblich für die massive Eintrübung der Stimmung im Herbst war wohl die dramatische Zuspitzung der Finanzmarktkrise mit dem Konkurs der US-Investmentbank Lehman Brothers Mitte September als Höhepunkt. Trotz aller Bemühungen der Regierungen und Notenbanken zur Stabilisierung des Finanzsektors kommt die Bankensanierung aber offenbar nur langsam voran. Auch im kommenden Jahr dürften nur langsam Fortschritte auf dem Wege zu einer Normalisierung der Situation gemacht werden. Zu den Verlusten der Banken, die im direkten Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise stehen, kommen nämlich nun die Abschreibungen auf Kredite, die als Folge der Rezession in der Realwirtschaft notleidend werden. Sie treffen die Banken in einer Situation, in der ihre Eigenkapitalbasis ohnehin schon stark geschwächt ist. Diese Konstellation birgt das Risiko, dass die Banken bei der Kreditvergabe auf längere Zeit zurückhaltend sein werden.

Angesichts der drastischen konjunkturellen Eintrübung, in einigen Ländern verbunden mit dem Aufkeimen von Deflationsgefahren, haben die Notenbanken in den Industrieländern weltweit ihre Politik in raschen und zum Teil außergewöhnlich großen Schritten gelockert. In den Vereinigten Staaten ist die Zentralbank Mitte Dezember sogar zu einer Nullzinspolitik übergegangen. Wir erwarten, dass die Notenbankzinsen auch im Vereinigten Königreich und im Euroraum in der ersten Jahreshälfte 2009 bis nahe Null gesenkt werden. Die Notenbankenzinsen dürften für längere Zeit sehr niedrig bleiben.

Die Finanzpolitik ist ebenfalls nahezu überall expansiv ausgerichtet. In zahlreichen Ländern sind bereits Konjunkturprogramme auf den Weg gebracht worden, auch wenn sie nicht in jedem Fall tatsächlich nennenswerte Impulse setzen. Voraussichtlich werden in den kommenden Monaten noch weitere Maßnahmen zur Konjunkturanregung beschlossen, nicht zuletzt von der neuen Administration in den Vereinigten Staaten. Aufgrund der Konjunkturprogramme, vor allem aber infolge der Rezession und wegen der Kosten der Bankensanierung steigt die öffentliche Kreditaufnahme überall stark an. In den Vereinigten Staaten und im Vereinigten Königreich dürfte sich das Budgetdefizit sogar auf annähernd 10 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt erhöhen.

Ausblick: Schwerer Einbruch der Weltkonjunktur

Mit Zuspitzung der Finanzmarktkrise im Herbst hat der weltwirtschaftliche Abschwung eine neue Qualität bekommen. Die Abwärtsdynamik verstärkte sich in den Industrieländern seither erheblich. Die Indikatoren deuten auf einen schweren Einbruch der Weltkonjunktur im Winterhalbjahr 2008 und 2009 hin.

In einer Reihe von Ländern ist der Abschwung Ausdruck der Korrektur von makroökonomischen Ungleichgewichten, insbesondere von Übersteigerungen am Immobilienmarkt, die in der Regel geraume Zeit in Anspruch nehmen und eine konjunkturelle Erholung verzögern. Hinzu kommen die Probleme im Finanzsektor, die die Finanzierungsbedingungen für die privaten Akteure verschlechtern und die Transmission geldpolitischer Impulse erschweren. Die zahlreichen und zum Teil durchaus gewichtigen finanzpolitischen Konjunkturpakete, die in den vergangenen Monaten verabschiedet wurden oder für die kommenden Monate in Aussicht gestellt wurden, werden den Produktionseinbruch zwar dämpfen. Angesichts der starken bremsenden Faktoren dürfte sich die Weltkonjunktur gleichwohl noch geraume Zeit, voraussichtlich über das gesamte kommende Jahr, auf Talfahrt befinden und sich anschließend nur zögerlich beleben.

In den Industrieländern wird sich der konjunkturelle Abschwung in den kommenden Monaten weiter verstärken. In einer Reihe von Ländern dürfte es im Winterhalbjahr zu einem regelrechten Einbruch der Produktion kommen. Darauf deuten die Frühindikatoren sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa hin. In den Vereinigten Staaten geben, nachdem die inländische Endnachfrage bereits seit längerem rückläufig ist, nun offenbar auch die Exporte nach. Im weiteren Prognosezeitraum wird die Konjunktur in der Grundtendenz schwach bleiben, auch wenn die absehbaren kräftigen fiskalischen Impulse zeitweise für eine Belebung von Produktion und Nachfrage sorgen dürften. Nach einem Rückgang von 1,5 Prozent im Jahr 2009 könnte sich im Jahresdurchschnitt 2010 ein Zuwachs beim realen Bruttoinlandsprodukt von 1 Prozent ergeben. Die Europäische Union erlebt den tiefsten Produktionseinbruch seit ihrem Bestehen. Sowohl im Euroraum als auch im Vereinigten Königreich dürfte das reale Bruttoinlandsprodukt 2009 um mehr als 2 Prozent sinken. Die Nachfrage sowohl aus dem Ausland als auch aus dem Inland nimmt deutlich ab, wobei in einer Reihe von Ländern zu einem starken Rückgang der Unternehmensinvestitionen ein Einbruch im Wohnungsbau hinzu kommt. Auch die japanische Wirtschaft ist von der weltweiten Konjunkturschwäche erfasst worden; sie dürfte 2009 um 1,5 Prozent schrumpfen und 2010 nur leicht zulegen.

Die Aussichten für die Schwellenländer haben sich in den vergangenen Monaten stark eingetrübt. Der Einbruch in den Industrieländern führt zu einer erheblichen Dämpfung der Exporte, durch die Neubewertung von Risiken im Zuge der Finanzmarktkrise haben sich die finanziellen Rahmenbedingungen verschlechtert, und für viele Schwellenländer bedeutet der drastische Rückgang der Rohstoffpreise einen massiven Verlust an Exporterlösen. In China kommt hinzu, dass es zu Korrekturen von Übersteigerungen an Aktien- und Immobilienmärkten kommt. Hier dürfte die Produktion trotz einer starken Ausweitung der Staatsausgaben 2009 und 2010 mit den geringsten Raten seit fast 20 Jahren (5,8 bzw. 6,5 Prozent) zunehmen. Die Weltwirtschaft insgesamt wird im Jahr 2009 kaum expandieren. Mit voraussichtlich 0,4 Prozent wird die Zuwachsrate der Weltproduktion voraussichtlich sogar noch niedriger ausfallen als im Rezessionsjahr 1982. Der Welthandel dürfte sogar deutlich schrumpfen.

Die Prognoseunsicherheit ist derzeit ungewöhnlich hoch. Dies liegt nicht zuletzt an der Finanzmarktkrise, deren Dauer und Auswirkungen sehr schwer abschätzbar sind. Trotz erheblicher Anstrengungen der Geldpolitik ist es in diesem Herbst zu der Verschärfung der Situation gekommen, und auch die nachfolgenden Sanierungsbemühungen haben bislang noch nicht dazu geführt, dass sich die Lage im Interbankenhandel wieder normalisiert hat. Für die Prognose ist unterstellt, dass die Funktion des Finanzsektors noch geraume Zeit gestört ist und die monetären Impulse daher nur langsam wirken, dass sich die Situation aber doch allmählich entspannt. Eine schnelle und durchgreifende Sanierung des Bankensektors ist nach unserer Einschätzung der Schlüssel für eine rasche und kräftige Erholung der Weltkonjunktur und könnte zu einer spürbar besseren Entwicklung von Produktion und Nachfrage führen als im Basisszenario. Sollte sich die Lage im Finanzsektor hingegen gar nicht verbessern oder es sogar zu einer neuerlichen Schockwelle von dieser Seite kommen, wäre eine sogar noch schlechtere realwirtschaftliche Entwicklung zu erwarten.

Reales Bruttoinlandsprodukt und Verbraucherpreise in ausgewählten Ländern und Regionen 2008–2010 (Vorjahresvergleich in Prozent)

 BruttoinlandsproduktVerbraucherpreise
 2008a 2009a 2010a 2008a 2009a 2010a
Vereinigte Staaten1,2–1,51,03,9–0,3  1,6
Japan0,1–1,50,61,40,1–0,4  
Euroraum0,9–2,70,13,30,91,4
Vereinigtes Königreich0,8–2,3–0,4  3,61,81,0
Industrieländer insgesamt1,0–1,80,63,30,5–1,2  
China9,6  5,86,55,51,20,5
Lateinamerika4,4  0,31,68,27,86,5
Ostasienb4,4  1,93,36,43,53,3
Indien6,2  4,75,510,1  5,84,2
Russland6,8  1,5–1,0  14,1  11,7  9,4
Weltwirtschaft insgesamt3,6  0,41,96,43,43,2
Nachrichtlich:
Welthandelsvolumen
2,8–2,53,0...
Ölpreis (US-Dollar/Barrel)98,2 45,045,0  ...
aPrognose von Dezember 2008. — bOhne China, Indien und Japan.

 

Kurzfassung Kieler Diskussionsbeitrag 459/460 von Jens Boysen-Hogrefe, Jonas Dovern, Klaus-Jürgen Gern, Nils Jannsen, Birgit Sander, Joachim Scheide und Björn van Roye, „Weltkonjunktur auf Talfahrt“.

Konjunktur aktuell