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Pressemitteilung des IfW vom 11. September 2008

Deutsche Konjunktur: Leichte Rezession absehbar

Die deutsche Wirtschaft bekommt die Auswirkungen der krisenhaften Entwicklungen im Rest der Welt zu spüren. Sowohl die Daten für Nachfrage und Produktion als auch wichtige Stimmungsindikatoren weisen deutlich nach unten. Zwar dürfte die Konjunktur in Deutschland weniger stark an Schwung einbüßen als in manchen anderen großen Ländern, wo die wirtschaftlichen Übersteigerungen in den vergangenen Jahren ausgeprägter waren. Ein leichter Rückgang der Produktion in den kommenden Monaten ist gleichwohl wahrscheinlich. Wir revidieren unsere Prognose für den Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts im laufenden Jahr von 2,1 Prozent auf 1,9 Prozent. Für das Jahr 2009 erwarten wir nur noch eine Zunahme um 0,2 Prozent (Juni: 1,0 Prozent).

Der Rückgang wichtiger Frühindikatoren hat sich deutlich beschleunigt, einige sind sogar regelrecht eingebrochen. So hat sich der Geschäftsklimaindex erheblich verringert. Vor allem sind die Geschäftserwartungen in den vergangenen zwei Monaten deutlich zurückgegangen. Aber auch die Einschätzung der Geschäftslage hat sich erstmals seit Beginn dieses Aufschwungs deutlich verschlechtert, nicht zuletzt dadurch, dass die Auftragslage der Unternehmen merklich ungünstiger geworden ist. Seit Ende 2007 nimmt die Nachfrage nach Industriegütern – vor allem aus dem übrigen Euroraum – ab; im Juli lag das Volumen des Auftragseingangs im verarbeitenden Gewerbe um 9,1 Prozent unter seinem Niveau vom Jahresbeginn. Die Industrieunternehmen schränken ihre Produktion seit dem Frühjahr ein. Auch bei den Umsätzen des Einzelhandels zeigt sich eine klare Abwärtstendenz, die sich mit der deutlichen Abnahme des Konsumentenvertrauens in den vergangenen Monaten deckt. Wegen all dieser Faktoren rechnen wir nun für das zweite Halbjahr 2008 nicht mehr mit einem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion. Zwar dürfte einem Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Produktion im dritten Quartal eine Erholung der Bauwirtschaft entgegen gestanden haben. Im Winterhalbjahr dürfte das reale Bruttoinlandsprodukt jedoch etwas abnehmen. Damit wäre formal das Kriterium einer Rezession erfüllt.

Ausblick: Deutlicher Rückgang der Kapazitätsauslastung

Die Immobilienkrise, die nun mehr Länder – bzw. einige Länder stärker – erfasst hat als bisher von uns unterstellt, wird die Konjunktur in Deutschland weiter dämpfen. Zwar ist in Deutschland selbst nicht mit einer krisenhaften Entwicklung im Immobiliensektor zu rechnen, da die Zeit der Übersteigerungen am Wohnungsmarkt lange vorüber und die Korrektur, die dem Boom folgte, mittlerweile abgeschlossen ist. Auch deshalb gehen die Haushalte in die sich abzeichnende Schwächephase mit einer geringeren Verschuldung als im Abschwung des Jahres 2001-2003. Und aufgrund der hohen Unternehmensgewinne der vergangenen Jahre, die es den Unternehmen erlaubte, Investitionen in großem Umfang aus den laufenden Einnahmen zu finanzieren, ist die Verschuldung der deutschen Unternehmen, trotz der sehr niedrigen Finanzierungskosten im zurückliegenden Zyklus, nicht höher als im Jahr 2000. Gleichwohl wird die Immobilienkrise nicht ohne gravierende konjunkturelle Auswirkungen in Deutschland bleiben, da gleich mehrere der wichtigsten deutschen Handelspartner mit Korrekturen an ihren Immobilienmärkten zu kämpfen haben. Diese Länder werden voraussichtlich eine Rezession oder eine länger anhaltende Schwächephase kaum vermeiden können, zumal Haushalte und Unternehmen dort mit einer deutlich höheren Verschuldung in die Konjunkturabkühlung gehen als um die Jahrtausendwende.

Belastet werden die konjunkturellen Aussichten für Deutschland darüber hinaus durch die Krise an den Finanzmärkten. Aufgrund der Verluste am amerikanischen Immobilienmarkt geht eine Reihe von Banken mit verringertem Eigenkapital in die gesamtwirtschaftliche Schwächephase; die absehbaren konjunkturbedingten Ausfälle von Forderungen gegenüber Gläubigern in Deutschland werden die Mittel der Banken weiter schwächen, zudem leiden die Zinserträge der Banken durch die flache bzw. inverse Zinsstruktur. Beides dürfte die Kreditvergabe an Unternehmen tendenziell verteuern. Allerdings ist der Sektor der Sparkassen und Genossenschaftsbanken, auf den rund zwei Drittel der Ausleihungen entfallen, nur wenig durch Verluste aus US-Engagements betroffen. Auch dürfte die Situation der Banken in Deutschland besser sein als die ihrer Wettbewerber im übrigen Euroraum, wo die Verschuldung von Haushalten und Unternehmen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist und zudem mit einem schärferen Nachlassen der Konjunktur zu rechnen ist.

Vor diesem Hintergrund erwarten wir, dass das reale Bruttoinlandsprodukt im zweiten Halbjahr 2008 annähernd stagnieren wird. Dabei werden die Exporte, anders als noch bis zum Beginn dieses Jahres, sogar leicht sinken. Die Inlandsnachfrage dürfte ebenfalls abnehmen. Alles in allem wird das reale Bruttoinlandsprodukt 2008 voraussichtlich um 1,9 Prozent steigen. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt wird sich im weiteren Verlauf des Jahres nur noch sehr wenig verbessern, denn die gesamtwirtschaftliche Kapazitätsauslastung nimmt ab, und aufgrund des höheren Lohnanstiegs laufen die Impulse für die Beschäftigung aus. Im Durchschnitt des Jahres 2008 dürfte sich die Zahl der Arbeitslosen gleichwohl noch sehr deutlich, nämlich um rund 500 000 Personen, auf 3 ¼ Millionen verringern. Die Inflationsrate wird sich allmählich zurückbilden, vor allem weil sich nach unserer Annahme der Preis für Rohöl auf dem erreichten niedrigeren Niveau stabilisiert. Der Index der Verbraucherpreise dürfte im Durchschnitt des Jahres um 2,9 Prozent höher liegen als im Vorjahr.

Im kommenden Jahr dürfte die Weltwirtschaft wieder etwas rascher expandieren, so dass die deutschen Exporte wieder zulegen dürften, zumal auch die negativen Effekte, die von der Euro-Aufwertung in diesem Jahr ausgehen, weitgehend abgeklungen sein werden. Die Inlandsnachfrage wird wieder leicht anziehen. Dabei werden die Unternehmensinvestitionen steigen, wenn auch nur moderat; so werden sich die Ertragsaussichten etwas aufhellen und die monetären Rahmenbedingungen werden allmählich besser. Die privaten Konsumausgaben dürften nur wenig zunehmen. Zwar werden die Stundenlöhne etwas mehr zulegen als in diesem Jahr, die Erwerbstätigkeit wird allerdings sinken. Ferner wird die Inflationsrate relativ hoch bleiben. In der Folge wird das verfügbare Einkommen real gerechnet kaum steigen. Das reale Bruttoinlandsprodukt wird im Verlauf des Jahres 2009 schwächer zunehmen als das Produktionspotential. Im Jahresdurchschnitt ergibt sich ein Anstieg um 0,2 Prozent. Erstmals seit 2005 wird sich auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt wieder verschlechtern. Im Durchschnitt wird die Zahl der Arbeitslosen bei knapp 3 ½ Millionen liegen. Die Inflationsrate wird auch im kommenden Jahr höher als 2 Prozent sein; wir erwarten, dass die Verbraucherpreise um 2,4 Prozent steigen.

Tabelle: Eckdaten zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland 2006–2009

 200620072008a2009a
Bruttoinlandsprodukt (BIP)b3,02,51,90,2
Erwerbstätige im Inlandc39 08839 73740 22440 431
Arbeitslosec  4 487  3 776  3 194  3 045
Verbraucherpreised 1,62,32,9 2,4
Finanzierungssaldo des Staates in Prozent des BIP-1,50,10,1-0,2
Schuldenstand in Prozent des BIP67,665,1  63,0  61,9
aPrognose vom September 2008. — bIn Vorjahrespreisen, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent. — c1000 Personen. — dPreisindex für die Lebenshaltung aller privaten Haushalte, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent.

Kurzfassung Kieler Diskussionsbeitrag 456/457 von Alfred Boss, Jonas Dovern, Carsten-Patrick Meier und Joachim Scheide „Deutsche Konjunktur: Leichte Rezession absehbar".

Konjunktur aktuell