IfW-Fokus 94
| 23. März 2011 |
Sollten und können wir auf Atomkraft verzichten?*
Von Gernot Klepper, Sonja Peterson, Sebastian Petrick
Vor dem Hintergrund der sich anbahnenden nuklearen Katastrophe in Japan stellt sich die Frage, inwieweit Deutschland, Europa und die Welt aus ökonomischer, energie- und klimapolitischer Sicht auf die Atomkraft angewiesen sind.
Im letzten Jahrzehnt ist die Bedeutung der Kernenergie in Deutschland kontinuierlich gesunken. Während im Jahr 2000 noch fast 30 Prozent der gesamten Stromerzeugung aus Kernenergie gewonnen wurde, waren es 2010 nur noch 22,6 Prozent. Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung hat sich im selben Zeitraum von 6,6 Prozent auf 16,5 Prozent erhöht.
Ob Deutschland kurzfristig vollständig auf Kernkraft verzichten kann, entscheidet sich letztlich daran, ob auch die Spitzenlast ohne Kernkraft produzierbar ist. Bezogen auf das gesamte Bundesgebiet ist es bereits heute so, dass die existierenden Kapazitäten ohne Kernkraft ausreichen würden, um die Verbrauchsspitzen zu bedienen. Da der Elektrizitätsmarkt in Deutschland jedoch regionalisiert ist, sind Kernkraftwerke derzeit dennoch nicht für eine sichere Stromversorgung komplett verzichtbar. Insbesondere sind sowohl die Stromnachfrage als auch die Mehrheit der deutschen Kernkraftwerke im Süden Deutschlands konzentriert, ein innerdeutscher Lastausgleich ist mangels Übertragungskapazität nur in begrenztem Rahmen möglich.
Mittelfristig sieht es anders aus. Zwar beurteilen existierende Studien die Möglichkeit eines Verzichts auf Atomkraftwerke im deutschen Strommix, die damit verbundene Übergangsfrist sowie die nötigen Investitionen in alternative Technologien uneinheitlich, überwiegend zeigen sie aber, dass der geplante Atomausstieg, wie er 2000 während der ersten rot/grünen Legislaturperiode vereinbart wurde, keine Gefahr für die Versorgungssicherheit in Deutschland darstellt. Nach dem damaligen „Atomkonsens“ wären die sieben ältesten Kernkraftwerke in Deutschland bereits abgeschaltet oder wären spätestens 2012 vom Netz gegangen. Das jüngste deutsche Kernkraftwerk wäre bis zum Jahr 2022 in Betrieb gewesen. Die Studien, die einen Ausstieg für möglich halten, gehen davon aus, dass das Stromdefizit nicht nur durch alternative Energieträger sondern auch auf der Nachfrageseite beseitigt wird. Durch Effizienzverbesserungen, Stromsparmaßnahmen, den Ausbau von erneuerbaren Energiequellen und dezentralen Anlagen mit Kraftwärmekopplung sowie Flexibilitätsreserven des konventionellen Kraftwerksparks können die Defizite aufgefangen werden. Dies ist möglich ohne die Klimaschutzziele Deutschlands zu verletzen. Einige Studien fordern einen zusätzlichen umfangreichen Ausbau von Gas- und Kohlekraftwerken. Eine zentrale Rolle wird dem raschen und umfassenden Ausbau der paneuropäischen Elektrizitätsnetze zugeschrieben.
Auf europäischer oder internationaler Ebene gehen die Szenarien der meisten Studien von einem signifikanten Anteil Atomstrom zur Erreichung ambitionierter Klimaziele aus. Dennoch gibt es durchaus Studien, die zeigen, dass selbst ambitionierte Klimaziele wie das 2-Grad-Ziel ohne Kernenergie erreichbar sind. Voraussetzung ist dann jedoch meist ein erfolgreicher großskaliger Ausbau alternativer Technologien, insbesondere des CCS (Kohlenstoffspeicherung) und von Bioenergie. Auch CCS ist langfristig natürlich nur eine Brückentechnologie, jedoch stellt sich sowohl die Risiko- als auch die Endlagerproblematik nicht in vergleichbarem Maße wie im Fall der Kernenergie.
Neben der technischen Machbarkeit sind für die energie- und klimapolitische Sinnhaftigkeit eines Ausstiegs aus der Kernenergie die damit verbundenen gesamtwirtschaftlichen Kosten von Interesse. Für Deutschland kommt selbst das von der Bundesregierung im Rahmen ihres Energiekonzeptes erstellte Gutachten zu den Auswirkungen von Laufzeitverlängerungen zu dem Ergebnis, dass die jetzt geltende Laufzeitverlängerung praktisch keinen gesamtwirtschaftlichen Gewinn erzeugt. Andere Modellrechnungen legen bisweilen sogar nahe, dass langfristig die Stromproduktion durch erneuerbare Quellen kostengünstiger ist als durch Kernkraft. Gleichwohl bleibt die Frage, wie schnell die Kosten steigen, wenn der Ausstieg über die existierenden Pläne hinaus weiter forciert werden soll und der gesamte atomare Kraftwerkpark vom Netz gehen soll. Das wird von dem Tempo abhängen, in dem dies vorgenommen wird, von den Anstrengungen, die auf den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien und der dafür notwendigen intelligenten Netze konzentriert werden, und auf die Einsparpotenziale, die neue intelligente Technologien auf der Verbraucherseite eröffnen.
Im weltweiten Kontext ist eine Abschätzung der mit einem Verzicht auf Kernkraft verbundenen gesamtwirtschaftlichen Kostensteigerung schwierig und unsicher. Im Allgemeinen werden die Wohlstandseinbußen als akzeptabel eingeschätzt, sofern entsprechende Alternativtechnologien genutzt werden können. Neben der großskaligen CCS-Nutzung hängt die Höhe der zusätzlichen Kosten von der Verfügbarkeit erneuerbarer Energien wie Wind- und Solarenergie und der Verfügbarkeit von Biomasse ab. Auch die mit einer Erreichung des 2-Grad-Zieles verbundenen Kostensteigerungen durch einen Verzicht auf Kernenergie werden als vertretbar eingeschätzt.
Was die konventionellen Kostenschätzungen der Atomenergie nicht enthalten, sind die Entsorgungskosten und, viel gravierender, die Folgekosten eines eventuellen Unfalles. Wie bereits die Katastrophe von Tschernobyl 1986 deutlich gemacht hat und wie auch das aktuelle Unglück im Kernkraftwerk Fukushima – hoffentlich in deutlich kleinerem Maßstab – zeigt, führt ein solch schwerwiegender Unfall zu Schäden von enormem Ausmaß, sowohl ökonomischer Natur, vor allem aber natürlich zu gesundheitlichen Schäden. Das Unglück in Japan zeigt, dass zur Bewertung der Atomkraft konventionelle Kosten-Nutzen-Kalküle nicht hilfreich sind. Ein solches Ereignis wurde als praktisch unmöglich eingeschätzt und nun ist es eben doch eingetreten. Bei extrem kleinen Wahrscheinlichkeiten von Unfällen würde man aber selbst bei extrem hohen Schäden nach konventionellem Kosten-Nutzen-Kalkül zu geringen erwarteten Kosten kommen. Mit anderen Worten: So klein auch die Wahrscheinlichkeit für einen ähnlichen Atomunfall wie in Japan in Deutschland sein mag, es bleibt doch die Möglichkeit, dass ein vergleichbares Ereignis auch hier eintritt, nicht zwingend ausgelöst durch ein Erdbeben, aber vielleicht durch ein Ereignis, an das wir momentan noch gar nicht denken. Die Frage ist also, ob eine Gesellschaft willens ist, ein wenn auch extrem kleines Risiko mit möglicherweise katastrophalen Folgen einzugehen, oder ob sie sich entscheidet, sich diesem Risiko nicht mehr auszusetzen.
Die Kosten-Nutzen-Rechnung bezieht sich darüber hinaus immer auf den Nutzen günstiger Energiebereitstellung und damit verbundener wirtschaftlicher Prosperität. Die Kosten der Atomenergie beinhalten aber auch die möglichen Folgen an Leib und Leben, wenn – wie im schlimmsten Fall in Japan denkbar – weit über 30 Millionen Menschen radioaktiver Strahlung ausgesetzt werden und möglicherweise große Gebiete dieses dicht besiedelten Landes für Jahrhunderte wegen nuklearer Kontamination zu Sperrgebieten erklärt werden müssten. Es wäre moralisch kaum vertretbar, solche Folgen in Euro zu bewerten und zum Gegenstand der Kosten-Nutzen-Rechnung zu machen. Vielmehr müsste man die Frage stellen, ob die Kosten eines Ausstieges nicht angesichts der Vermeidung solcher Ereignisse – in Japan, in Deutschland oder irgendwo auf der Welt – für eine Gesellschaft akzeptabel sein sollten.
Für die Länder, die schon in der Vergangenheit auf die Atomkraft gesetzt haben, geht es nicht so sehr um das „ob“ eines Atomausstieges, sondern um die Geschwindigkeit, mit der das Ende der Atomenergie kommen soll. Je schneller beispielsweise der Ausstieg in Deutschland erfolgen soll, desto schneller müssen die erneuerbaren Energien und Möglichkeiten zur Kohlenstoffspeicherung ausgebaut sowie die notwendigen Netzstrukturen erstellt werden. Die Geschwindigkeit wird durch den politischen Willen und die Investitionsvolumina bestimmt, die Deutschland kurzfristig bereit ist, zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus wird natürlich eine innerhalb der EU abgestimmte Politik nötig sein, denn langfristig werden der Umbau des Energiesystems und der Ausstieg aus der Kernenergie ohne höhere Energiepreise und grenzüberschreitenden Handel nicht möglich sein.
Für die Länder, die bisher noch keine Atomkraftwerke gebaut haben, insbesondere auch viele Schwellenländer, stellt sich die Frage, ob man die Investitionen, die in die Kernkraftwerke gehen sollen, nicht sinnvollerweise gleich in den Ausbau der erneuerbaren Energien umlenkt. Die Technologien dafür haben in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, dezentrale Systeme sind für viele Regionen sinnvoller als großtechnische Systeme, die natürlichen Bedingungen für viele erneuerbare Energieträger sind gerade in Schwellenländern günstiger als in Deutschland, und die Erneuerbaren sind fehlerfreundlicher.
Die Entscheidung über die Weiterführung oder den Ausbau der Atomkraft ist zunächst eine ethische und politische Frage. Gesellschaften müssen sich entscheiden, ob sie sich dem minimalen Risiko mit potenziell katastrophalen Konsequenzen aussetzen möchten. Die ökonomische Frage wäre dann nur noch, wie schnell und mit welcher kostengünstigen Strategie der Abschied von der Atomenergie am besten bewältigt werden kann.
(Leicht überarbeitete Version eines Artikels in der Financial Times Deutschland vom 18. März 2011 unter den Titel "Wo Wirtschaft nicht rechnen sollte".)
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*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.