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IfW Fokus 88

03. Dezember 2010 
ifw_fokus.jpg © Stephen Coburn - Fotolia.com

 

Erholung nach der Großen Rezession: Auch dieses Mal ist nicht alles anders!*

Von Nils Jannsen und Joachim Scheide

 

Die weltwirtschaftliche Erholung nach der Großen Rezession verläuft sehr heterogen. So weist die Erholung in den Schwellenländern eine sehr hohe Dynamik auf. Hingegen ist das Expansionstempo in vielen Industrieländern geringer als vor der Krise. Dies mag für manche enttäuschend sein, entspricht aber dem historischen Muster nach einer Banken- und Immobilienkrise. Das Ergebnis einer empirischen Analyse der Konjunkturverläufe während und nach einer Krise lautet: Dieses Mal ist nicht alles anders als früher!

Um die bisherige Erholung nach der Großen Rezession in den historischen Kontext einzuordnen, ist es sinnvoll, zwischen „gewöhnlichen“ Rezessionen und Rezessionen, die mit einer Krise verbunden sind, zu unterscheiden. Aus einer Analyse für 16 Industrieländer folgt: Nach normalen Rezessionen erholt sich die Konjunktur rasch, und das reale Brutto­inlandsprodukt erreicht nach einiger Zeit wieder den alten Wachstumstrend, und zwar unabhängig davon, wie tief die Rezession war (Boysen-Hogrefe et al. 2010). Gibt es hingegen eine Krise, verläuft die Erholung nur schleppend, und der alte Wachstumstrend wird nicht erreicht (Abbildung 1). Das Realeinkommen sinkt also langfristig, was auf die Fehlentwicklungen im Zuge des Booms vor dem Ausbruch der Krise und die folgenden Anpassungen in der Realwirtschaft zurückgeführt werden kann.

Abbildung 1 - Konjunkturelle Erholung nach einer gewöhnlichen Rezession und nach einer Krise

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Jahresdaten, preisbereinigt; Bruttoinlandsprodukt als Index (Jahr 0=100); 
Erholung nach einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 5 Prozent 
im Jahr 1; in Anlehnung an die Ergebnisse von Boysen-Hogrefe et al. (2010).

Sicherlich ist ein abschließender Vergleich mit früheren Krisen derzeit noch nicht möglich, denn die Große Rezession hatte ihren Tiefpunkt erst vor anderthalb Jahren; dafür wären weitere Beobachtungen notwendig. Dennoch sind die Ähnlichkeiten der bisherigen Erholung mit dem historischen Muster auffällig. Dabei ist zwischen drei Gruppen von Ländern zu unterscheiden.

Länder wie die Vereinigten Staaten sind von einer schweren Krise getroffen, und die bisherige Erholung verläuft vergleichsweise schleppend (Abbildung 2a). Es zeigt sich hier wie auch in anderen Krisenländern, dass das reale Bruttoinlandsprodukt zwar in ähnlichem Tempo zunimmt wie vor der Krise, der Abstand zum Wachstumstrend – wie zuvor beschrieben – allerdings annähernd gleich bleibt. Daran wird sich nach den vorliegenden Prognosen voraussichtlich auch im kommenden Jahr nichts ändern. Dies spricht dafür, dass die Vereinigten Staaten – wie auch das Vereinigte Königreich, Spanien und Irland – mittelfristig mit einem niedrigeren Einkommensniveau rechnen müssen, so wie es auch nach früheren Krisen typisch war. Ein Grund ist, dass der Immobiliensektor wie auch der Bankensektor in den betroffenen Ländern schrumpft; ferner müssen die privaten Haushalte und die Unternehmen ihre Verschuldung, die im Zuge des vorangegangenen Booms zu stark zugenommen hatte und das Entstehen von Blasen gefördert hat, auf ein normales Niveau zurückführen.

Zu den Erfahrungen passt auch, dass sich die Konjunktur in einer zweiten Gruppe von Ländern sehr zügig erholt hat. So hat die gesamtwirtschaftliche Produktion in den asiatischen Schwellenländern, darunter auch in China, ihren geschätzten Wachstumstrend bereits wieder erreicht. Sie waren von der Krise nur insofern betroffen, als ihr Außenhandel im Winterhalbjahr 2008/2009 einbrach, wie in jedem anderen Land auch. Hingegen blieb der Bankensektor verschont, so dass sich die Effekte auf die Konjunktur in sehr engen Grenzen hielten.

Bei einer dritten Gruppe von Ländern ist das Bild nicht ganz eindeutig. So wurde die deutsche Wirtschaft zwar in zweifacher Weise von der internationalen Finanzkrise getroffen: Zum einen kamen negative Effekte über den Außenhandelskanal, was für das stark exportorientierte Land schwerwiegend war, und zum anderen gerieten zahlreiche Banken infolge ihrer Spekulationen, vor allem am Markt für verbriefte Wertpapiere, in Schwierigkeiten und mussten gerettet werden. Jedoch handelte es sich in Deutschland nicht um eine „hausgemachte“ Bankenkrise, so dass im Gegensatz zu den Krisenländern wohl keine umfangreichen strukturellen Anpassungen nötig sind. Gleichwohl ist es naheliegend, dass gerade stark exportorientierte Länder unter einem permanenten Nachfrageausfall in den Krisenländern zu leiden hätten und deshalb nicht vollständig zu ihrem alten Wachstumstrend zurückkehren können.

Nach der Krise scheint sich das reale Bruttoinlandsprodukt in Deutschland dem geschätzten Wachstumstrend anzunähern (Abbildung 2b). Doch es erscheint verfrüht, die schwerste Rezession in der Nachkriegszeit schon als „gewöhnliche“ Rezession einzuordnen, denn der Abstand hat sich vor allem wegen der extrem positiven Entwicklung im zweiten Quartal dieses Jahres verringert. In anderen Ländern wie in Kanada und in Belgien, die ähnlich betroffen waren wie Deutschland, sieht der Verlauf nicht ganz so günstig aus. So scheint die deutsche Wirtschaft derzeit eine positive Ausnahme zu sein; allerdings ist es nicht sicher, dass dies auch in nächster Zeit so bleibt und der alte Wachstumstrend vollständig wieder erreicht werden kann.

Abbildung 2 - Bruttoinlandsprodukt und Wachstumstrend in den Vereinigten Staaten und in Deutschland 2005–2010

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Quartalsdaten, preis- und saisonbereinigt; Bruttoinlandsprodukt: viertes Quartal 2007=100; Wachstumstrend wurde anhand eines log-linearen Trends in den 5 bzw.10 Jahren vor Beginn der Krise im vierten Quartal 2007 geschätzt.

Bezüglich derjenigen Länder, die von einer Immobilien- und einer Bankenkrise betroffen sind, ergeben sich weitreichende Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik. Zum einen ist es nicht überraschend, dass die konjunkturelle Erholung nur schleppend verläuft; dies entspricht dem historischen Muster und ist nicht Beleg dafür, dass die Geldpolitik oder die Finanzpolitik noch einmal nachlegen sollte, um den Aufschwung zu beschleunigen. So sind beispielsweise die Probleme in den Vereinigten Staaten nicht auf einen Mangel an Liquidität zurückzuführen, sondern sie haben vielmehr mit den notwendigen Anpassungsprozessen in der Realwirtschaft zu tun. Vor diesem Hintergrund ist es kritisch zu sehen, dass die US Notenbank kürzlich beschlossen hat, abermals in großem Umfang Staatsanleihen zu kaufen (vgl. Jannsen und Scheide 2010b).

Zum anderen spielt für den Kurs der Geldpolitik und der Finanzpolitik eine Rolle, wie groß die Produktionslücke tatsächlich ist. Zwar ist eine Schätzung des Produktionspotentials immer mit großer Unsicherheit behaftet, und gegenwärtig dürfte diese sogar noch größer sein als in normalen Zeiten. Doch wenn es, wie in der Vergangenheit zu beobachten, im Zuge einer schweren Krise zu einem Rückgang des langfristigen Einkommens kommt, wäre es falsch, den Wachstumstrend, der vor der Krise geschätzt wurde, einfach fortzuschreiben und so die Produktionslücke zu bestim­men. Mit anderen Worten: Wenn die (negative) Produktionslücke kleiner ist, vergrößern sich erstens die Inflationsrisiken infolge einer expansiven Geldpolitik; sie sind für die Vereinigten Staaten durch die neue Geldpolitik derzeit höher als zuvor. Zweitens ist das konjunkturbereinigte Budgetdefizit des Staates größer; dies ist vor dem Hintergrund, dass eine Konsolidierung des Staatshaushalts in den Vereinigten Staaten nicht absehbar ist, eine große Belastung für die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen.

Literatur

Boysen-Hogrefe, J., N. Jannsen und C.-P. Meier (2010). The Ugly and the Bad: Banking and Housing Crisis Strangle Output Permanently, Ordinary Recessions Do Not. Kieler Arbeitspapiere 1586. Institut für Weltwirtschaft, Kiel.

Jannsen, N. und J. Scheide (2010a). Recovery after the crisis: This time is not different! Kiel Policy Brief 22. Institut für Weltwirtschaft, Kiel.

Jannsen, N. und J. Scheide (2010b). Nochmalige quantitative Lockerung in den USA: Ein Ritt auf dem Tiger. IfW-Fokus 85. Institut für Weltwirtschaft, Kiel.

(Leicht überarbeitete und gekürzte Version des Kiel Policy Brief 22.)

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*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.