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IfW-Fokus 67

20. Oktober 2009 
ifw_fokus.jpg © Stephen Coburn - Fotolia.com

 

Warum hat die Wirtschaftswissenschaft die globale Finanzkrise nicht vorhergesehen?*

Von Thomas Lux

 

Die größte Wirtschaftskrise seit 80 Jahren traf die Wirtschaftswissenschaft vollkommen unvorbereitet. Zwar waren seit langer Zeit Stimmen zu hören, die vor den Gefahren des Zusammenbrechens des US-Immobilienbooms warnten. Aber dass dies zu Schockwellen führen würde, die das weltweite Finanzsystem an den Rand des Zusammenbruchs bringen, schien vollkommen undenkbar zu sein. Auch im Nachhinein ist die Ahnungslosigkeit vieler Experten verblüffend: Noch im August 2008 vermutete der an der Harvard Business School tätige Nobelpreisträger Robert Merton den nächsten Ursprung einer drohenden Finanzkrise in den Schwellenländern – vier Wochen vor dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers.

Die Finanzkrise ist kein außerweltliches Ereignis, das dem menschlichen Einfluss entzogen wäre. Sondern ganz im Gegenteil ist sie das Resultat einer von Menschen angestoßenen Entwicklung. Die Wirtschaftswissenschaft sollte deshalb in der Lage sein, eine stringente Ursachenanalyse vorzulegen. Idealerweise hätten ihre Modelle die Vorzeichen des Sturms erkennen sollen. Und in der Tat besteht inzwischen weitgehende Übereinstimmung über die Verbindungen zwischen der lockeren Geldpolitik der Greenspan-Jahre, der Über-Investition im amerikanischen Immobilien­markt, der Weitergabe der Kreditrisiken durch die Banken über sogenannte „strukturierte Produkte“ und den weltweiten Ansteckungseffekten durch die enormen Verflechtungen der Finanzmärkte. Bleibt die Frage: Warum erkannten die ökonomischen Modelle nicht schon vorher, was die Experten heute recht klar benennen können?

In vielen Fällen ist die Antwort einfach: Die Modelle sahen drohende Fehlentwicklungen nicht, weil sie diese aufgrund ihrer Konstruktion nicht sehen konnten. Hierfür gibt es besonders zwei Gründe: zum einen die fest verankerte, aber nicht wirklich wissenschaftlich fundierte Ansicht, dass Stabilität und Effizienz in die Finanzmärkte quasi eingebaut seien. Und zum anderen die sehr weitgehende Vernachlässigung von Wechselwirkungen zwischen wirtschaftlichen Akteuren. Der Glaube an die Effizienz und die Selbstregulierung von Finanzmärkten geht zurück auf idealisierte Modelle einfacher Wirtschaftskreisläufe. In denen kann ein optimaler Zustand erreicht werden, wenn nur genug komplizierte Finanzprodukte für alle Wechselfälle des Lebens angeboten werden. Je mehr sich also die Realität durch die Einführung von Termingeschäften, Optionen und Kreditderivaten diesem Idealzustand nähert, desto besser. Die Modellwelten sind allerdings viel zu abstrakt, als dass ihre Aussagen überhaupt einer wissenschaftlichen Überprüfung unterzogen werden könnten. Dennoch nehmen sie im Kanon ökonomischen Wissens einen derart zentralen Platz ein, dass ihre Aussagen oft sehr unbefangen auf die Realität übertragen wurden.

Die Aversion des früheren amerikanischen Zentralbankchefs Greenspan gegen jede Form der Regulierung von Finanzmärkten speiste sich aus eben dieser Quelle theoretischen, aber nicht durch Feldforschung gestützten Wissens. Dass komplexe Finanzprodukte eben nicht nur zur Risikostreuung, sondern auch zum Spekulieren gehandelt werden, kommt in dieser Theorie nicht vor. Vollkommen unbekannt sind in diesen Modellwelten auch Vernetzungen zwischen den Akteuren, die zu Domino-Effekten führen können. Dabei wurden über den Handel mit Kreditausfallrisiken viele neue Verknüpfungen zwischen bisher kaum verbundenen Instituten geschaffen. Dasselbe gilt für die Refinanzierung von Kreditportfolios, die die Banken – durch oft mehrfach verschachtelte Zweckgesellschaften – in Tranchen unterschiedlicher Bonität aufgespaltet hatten. Wie sich herausstellte, war selbst für die Beteiligten schwer abzuschätzen, welch starke Verflechtungen mit welchen anderen Akteuren dadurch entstehen.

Die herkömmliche Wirtschaftstheorie erschwert das Verständnis der Krise auch in anderer Weise. Im Bestreben, möglichst genau das Handeln einzelner Haushalte oder Unternehmen abzubilden, hat die Wirtschaftstheorie zunehmend alle Arten von Wechselwirkungen zwischen Akteuren ausgeblendet. Selbst gesamtwirtschaftliche Modelle reduzieren deshalb das Wirtschaftsgeschehen auf die Betrachtung sogenannter repräsentativer Akteure: Ein einzelnes Unternehmen steht dann für die gesamte Volkswirtschaft, ein typischer Investor für den gesamten Kapitalmarkt. Damit bleibt sowohl ein Großteil der Finanzbeziehungen zwischen Unternehmen und Banken als auch die wechselseitige Beeinflussung der Erwartungen von Unternehmen und Konsumenten außen vor. So wird es grundsätzlich unmöglich, ungewollte Konsequenzen der Entscheidungen vieler Einzelner zu untersuchen. Dies ist es aber gerade, was moderne Volkswirtschaften und ihre Probleme kennzeichnet. Weder eine Rezession noch eine Blase noch gar ein Börsencrash oder eine Bankenpleite lassen sich so recht als Ausfluss des optimalen Plans Einzelner verstehen. Sondern sie sind eben ungewollte, manchmal desaströse Konsequenzen der unkoordinierten Handlungen vieler, sich gegenseitig beeinflussender Akteure. Eine Bankenpleite führt über die Ausfälle bei anderen Instituten zu „systemischem“ Risiko, die Kaufzurückhaltung der Konsumenten verschärft den Abschwung. Ohne derartige Mechanismen kann ein gesamtwirtschaftliches Modell die gegenwärtige Krise nur als großes Zufallsereignis abbilden, wie einen Kometen-Einschlag, das ökonomischer Analyse nicht zugänglich ist.

Die aktuelle wirtschaftspolitische Diskussion hat notgedrungen die ökonomische Theorie weit hinter sich gelassen und debattiert unbefangen Maßnahmen, die noch vor einem Jahr als Blasphemie betrachtet worden wären und die durch die meisten Modelle kaum zu rechtfertigen sind. Es gilt also, das wissenschaftliche Fundament zu überdenken. Letztlich lässt sich die Krise auch verstehen als Widerlegung einiger zentraler Prämissen, auf denen ganze Zweige wirtschaftswissenschaftlicher Modellierung beruhen. Da der Glaube an die unbedingte Nützlichkeit neuer Finanzprodukte und die grenzenlose Selbstregulierung der Finanzmärkte nicht aufrechterhalten werden können, können Modellstrukturen nicht adäquat sein, die genau diese Schlussfolgerungen erzwingen. Die Krise ist auch ein Stresstest für die Wissenschaft. Die versprochene Jahrhundertreform der Finanzmärkte erfordert einen nüchternen Blick auf ihre Funktion zur Vermittlung von Kapitalströmen, aber auch auf ihre Tendenz, sich als Kasino von der Realwirtschaft abzukoppeln.

(Leicht überarbeitete Version eines Artikels in der Süddeutschen Zeitung vom 22. August 2009 unter dem Titel „Die Welt als Modell und Vorstellung“)

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*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.