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IfW-Fokus 65

12. Oktober 2009 
ifw_fokus.jpg © Stephen Coburn - Fotolia.com

 

Was ist falsch an der deutschen Exportausrichtung?*

Von Rolf J. Langhammer

 

Der mit der Krise verbundene globale Nachfrageschock trifft offene Volkswirtschaften mit hohen Exportanteilen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) besonders hart. Singapur, der Prototyp eines Landes mit kleinem Binnenmarkt und extremer Außenorientierung, wird den Prognosen zufolge 2009 einen Wachstumseinbruch von 10 Prozent erleiden. Auch für Deutschland werden die Wachstumseinbrüche auf die hohe Exportabhängigkeit zurückgeführt. Daraus leiten einige Beobachter in jüngster Zeit die Schlussfolgerung ab, die Exportabhängigkeit zurückzuführen und die Binnennachfrage zu stärken. Ist das vernünftig?

Vor einer Antwort sind inhaltliche Klärungen erforderlich. Was ist für ein Mitglied eines Binnenmarktes wie Deutschland Binnenhandel und was Außenhandel? Sollten wir den Handel Deutschlands mit seinen Partnern im Binnenmarkt nicht so betrachten, wie es Kalifornien bei seinen Lieferungen in die amerikanischen Bundesstaaten tut, nämlich nicht als Export. Würden wir so verfahren, würde die „Exportabhängigkeit“ um mehr als die Hälfte schrumpfen.

Hängt die Exportquote eines Landes nicht von der Größe des Landes relativ zum Rest der Welt ab? Ja, für kleine wie große, arme wie reiche Länder gilt zwar, dass immer noch deutlich mehr innerhalb als außerhalb eines Landes gehandelt wird, der Abstand zwischen Binnen- und Außenhandel aber seit den neunziger Jahren geringer geworden ist. Zurückzuführen ist dies auf Handelsliberalisierung, sinkende Transportkosten, und vor allem auf die verlängerten grenzüberschreitenden Wertschöpfungsketten von Unternehmen, die den Handel mit Zwischengütern belebt haben. Das ist ein Prozess, von dem Konsumenten, die dadurch preiswertere und bessere Güter und Dienstleistungen bekommen, gerne profitieren. Er ist für sie gleichbedeutend mit einem Realeinkommensanstieg. Aber kann man des Guten zuviel tun? Kann man mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen die Exporte zu Lasten des Binnenhandels begünstigen? Und wenn ja, hat Deutschland es getan?

Der übliche Weg zur Exportbegünstigung läuft über die Manipulation des Wechselkurses zur Verhinderung oder Eindämmung einer realen Aufwertung. Dies wird China seit vielen Jahren vorgeworfen, wobei der eindeutige Beweis schwer zu führen ist. Die Mehrheitsmeinung im chinesischen Fall lässt sich so deuten, dass eine Unterbewertung der chinesischen Währung besteht, diese aber gering ist. Zumindest stellt sich China einer marktgetriebenen Aufwertung der eigenen Währung entgegen, indem es direkt oder indirekt (über Dritte) Dollarkäufe tätigt und somit Reserven anhäuft, die alternativ die heimische Nachfrage stimuliert hätten. Deutschland steht als Mitglied der Währungsunion eine Wechselkursmanipulation ebenso wenig zur Verfügung wie Exportsubventionen als Mitglied der Zollunion. Aber es gibt einen privatwirtschaftlichen Ersatz. Solange in der Europäischen Union die grenzüberschreitende Arbeitskräftemobilität ge­ring ist, kann Lohnzurückhaltung im Vergleich zur Lohnentwicklung auf den Nachbarmärkten wie eine reale Abwertung wirken. Und das ist in Deutschland geschehen. Dank relativer Lohnzurückhaltung wertete Deutschland seit der Einführung des Euro real gegenüber den südlichen Mitgliedern des Euro-Raums ab. Im 1. Quartal 2008 hatte sich laut EU-Kommission die lohnkostenbedingte Wettbewerbsposition Deutschlands, aber auch Österreichs und Finnlands sogar noch günstiger als im Durchschnitt der Jahre 1995–2007 entwickelt, während sich die von Irland, Griechenland, Spanien und Italien noch schlechter als im Durchschnitt der Jahre 1995–2006 entwickelt hatte. Damit ist Deutschlands Exportquote höher, im Vergleich zu einer Situation, in der sich die Lohnkosten in Deutschland ähnlich wie in den anderen Mitgliedstaaten entwickelt hätten. Diese relative Lohnzurückhaltung war begründet, denn Deutschland ist auch auf der Importseite offener als an­dere europäische Partner und damit dem Lohnwettbewerb mit dem Ausland stärker ausgesetzt. Der Gewinn für den Konsumenten hat seinen Preis.

Vor allem aber ist es Deutschlands Exportangebotsstruktur, die zur Exportausrichtung beiträgt. Seine Industriegüterexporte stützen sich auf Kapitalgüter, aber auch anspruchsvolle Konsumgüter, die mit steigendem Einkommen der Partner verstärkt nachgefragt werden. Gerade in einem wachstumsstarken Schwellenland wie China ist die Nachfrage nach Importen aus Deutschland in den letzten Jahren gegenüber Vorperioden bei gleichem Einkommensanstieg gestiegen. Dort geht der wachstumsbedingte Strukturwandel einher mit einer steigenden Nachfrage nach hochwertigen Industriegütern, die Deutschland anbieten kann. Dieses Nachfragepotenzial ist auf dem deutlich langsamer wachsenden heimischen Markt nicht gegeben. Dies bedeutet, dass Deutschland auch ohne die Verbesserung der lohnkostenbedingten Wettbewerbsposition stärker als andere Industriestaaten vom raschen Wachstum der Partnerländer hätte profitieren können. Der Wachstumseinbruch der Partnerländer muss daher die deutschen Exporte stärker treffen als die anderer Staaten, aber genauso dürfte dann Deutschland auch wieder mehr als andere Staaten begünstigt sein, wenn die Krise überwunden wird.

Mehr Binnennachfrage kann mittelfristig von einem nachfragebedingten Strukturwandel zugunsten von qualifizierten Dienstleistungen herrühren. Dazu gehören auch Dienstleistungen wie Gesundheit und Erziehung, deren staatliche Bezuschussung künftigen Generationen Lasten auferlegt. Dafür ist aber Voraussetzung, dass sich der europäische Binnenmarkt endlich so dem Wettbewerb von internen und externen Dienstleistungsanbietern über Internet, Direktinvestitionen und Einzelpersonen öffnet, wie wir es vom Güterverkehr her kennen. Die demografische Entwicklung und die zu erwartende höhere Arbeitskräftemobiliät über Grenzen hinweg wird eine lohnkostenbedingte Exportlastigkeit Deutschlands auf mittlere Sicht verringern. Daher wird sich Deutschland dann wohl nicht mehr so sehr wie in den letzten Jahren von der Lohnkostenentwicklung anderer europäischer Staaten abkoppeln können. Die starke Orientierung der deutschen Wirtschaft jenseits deutscher Grenzen aber jetzt in der Krise als Last oder Exportlastigkeit abzutun, bedeutet nichts anderes, als bewusst Zäsuren zwischen dem heimischen Markt und dem Ausland zu ziehen. Eine derartige Segmentierung von Märkten wäre das Letzte, was Deutschland und seine Handelspartner in der jetzigen Krise bräuchte. Sie wäre der direkte Weg in den Protektionismus.

(Leicht überarbeitete Version eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3. August 2009 unter dem Titel „Deutschlands Exportausrichtung ist keine Last“)

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*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.