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IfW-Fokus 57

10. Dezember 2008 

 

Die nächsten Schritte zur Lösung der Finanzkrise*

von Dennis J. Snower

 

Der G20-Gipfel in Washington ist zu Recht als ein potenziell historisches Treffen gekennzeichnet worden. Unter anderem, zeigten die führenden Entscheidungsträger der G20, dass sie die Bedeutung folgender Herausforderungen völlig verstanden haben: Das internationale Finanzsystem muss besser regulieren und beaufsichtigt werden, Protektionismus muss vermieden werden, die neuen Regeln der Weltwirtschaft müssen in Kooperation zwischen den entwickelten Wirtschaftsmächten und den großen Schwellenländern zu Stande kommen.

Jetzt müssen wir uns aber an die Arbeit machen. Wir dürfen nicht so tun, als ob die Ursachen der Finanzkrise jetzt im Grunde behoben worden sind und uns nur darauf konzentrieren, wie wir schnellstens aus der Rezession kommen.

Dies wäre eine sehr gefährliche Einstellung. Denn die Finanzkrise ist bei weitem noch nicht zu Ende. Die zugrunde liegende Krankheit ist noch nicht bewältigt worden. Wenn wir sie nicht in den Griff bekommen, besteht die Gefahr, dass die Krise sich wieder aufheizt und die weltwirtschaftliche Rezession sich kräftig vertieft.

Hier ist meine Skizze der Probleme und damit verbundene Lösungsvorschläge, um dem Finanzalbtraum ein Ende zu setzen.

(1) Zu hohes Opfer der Steuerzahler: Die Regierungen aller von der Krise betroffenen Länder haben grundsätzlich gleichartig auf die Krise reagiert, nämlich durch die Bereitstellung von Kapital für gefährdete Finanzinstitutionen. Unglücklicherweise scheint sich aber niemand Gedanken darüber gemacht zu haben, wie die hieraus resultierende Last zwischen Steuerzahlern, Aktionären und Gläubigern aufgeteilt werden sollte. Eine Teilung der finanziellen Lasten ist jedoch unabdingbar. Tragen die Steuerzahler die Last allein, so würden die tollkühnen Finanzpraktiken im Nachhinein belohnt und Tor und Tür für zukünftige Drahtseilakte geöffnet werden. Tragen die Aktionäre und Gläubiger die alleinige Last, so würden die notleidenden Banken nicht hinreichend mit Kapital ausgestattet werden, um einen wirtschaftlichen Neuanfang zu starten.

Idealerweise sollten die Regierungen im Voraus die Lastverteilung auf folgende Weise festlegen: Der Anteil des Steuerzahlers würde im staatlichen Kauf von Vorzugsaktien und Bezugsrechten bestehen. Der Beitrag der Gläubiger zur Sanierung würde durch „debt for equity swaps“ erfolgen, die die Gläubiger zu Kapitaleignern machen würden, und die Aktionäre leisten ihren Anteil durch den aufgrund der Ausgabe neuer Aktien gesunkenen Wert ihrer Anlagen.

Tatsächlich aber haben die Regierungen den Finanzinstitutionen atemberaubende Summen zur Verfügung gestellt, ohne eine Gegenleistung von den Gläubigern und Aktionären zu verlangen. Dies führte zu weiteren Unsicherheiten: Investoren befürchten, dass die staatlichen Finanzspritzen nicht ausreichen, die angeschlagenen Finanzinstitutionen zu retten, und die Steuerzahler machen sich Sorgen über die auf sie zukommenden Belastungen. „Debt for equity swaps“ sollten den Eckpfeiler zur Lösung der Finanzkrise bilden. Diese Swaps sind nicht neu: Jeder Kreditgeber, der bankrotten Firmen einen Tausch von Krediten gegen Eigenkapitalbeteiligung anbietet, gewährt in der Tat einen solchen Swap. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass die Regierungen planen, die Gläubiger und Aktionäre zukünftig an den Kosten zu beteiligen, aber das Fehlen eines wohl definierten, transparenten Plans schafft unnötige Unsicherheit und verlängert so die Schwäche des Finanzsystems.

(2) Fehlende Ausstiegsstrategie: Die Regierungen müssen festlegen, wie sie ihre Beteiligungen an den Finanzinstitutionen nach einer Neuregulierung des Finanzsystems wieder in den Privatsektor überführen wollen. Politiker sind keine Bankiers und die Finanzmärkte könnten unter einer staatlichen Beteiligung ohne zeitliche Begrenzung leiden.

Die Regierungen sollten daher ihre Beteiligungen in eine Treuhand überführen. Die Treuhand hat dann die Aufgabe, diese Vermögenswerte innerhalb der nächsten zehn Jahre wieder zu verkaufen, mit dem Ziel, den Gewinn des Steuerzahlers zu maximieren. Dies ist bisher nicht geschehen.

(3) Unzureichende Regulierung und Überwachung: Die Finanzregulierung und -überwachung ist gegenwärtig eine rein nationale Aufgabe. Dies ist falsch, denn einer der Gründe für unseren tiefen Fall in die Krise ist die Tatsache, dass riskante Transaktionen dort abgewickelt werden, wo die Regulierung am schwächsten ausfällt. Diese „Regulierungsarbitrage“ erlaubte es den Finanzinstituten, Risiken einzugehen, ohne für sie zu haften. Dies kann nur durch eine internationale Harmonisierung der Regulierung und Überwachung verhindert werden.

Um zu einer internationalen Vereinbarung zu kommen, sollten die Ziele nicht zu hoch gesteckt werden. Als Minimalziel sollte eine internationale Koordination der Eigenkapitalquoten angestrebt werden, die sich am Ausmaß der Transparenz und Einfachheit der Finanzprodukte orientiert. In unserer globalisierten Finanzwelt benötigen wir gleiche Regeln für gleiche Risiken – nicht nur im Bankensektor, sondern auch im Schatten-Bankensektor (Geldmarktfonds, Hedgefonds, sonstige Investmentfonds, Private-Equity-Firmen, usw.). Anderenfalls geraten wir immer wieder in den Sumpf aus Regulierungsarbitrage und sorgloser Risikofreudigkeit.

(4) Die fehlende Lösung des Solvenzproblems: Die Krux der gegenwärtigen Finanzkrise ist das Solvenzproblem. Aufgrund der gesunkenen Wertpapierpreise laufen zahlreiche Finanzinstitute Gefahr, Insolvenz anzumelden. Den gefährdeten Instituten auf einer Fall-zu-Fall-Basis zu helfen, ist eine selbstmörderische Politik, da sie Furcht und Missvertrauen im Finanzsystem streut und so weitere Institute in Schwierigkeiten bringt.

Um dieses Problem zu lösen, sollten Finanzministerien die Rolle eines „Käufers der letzten Instanz“ für systemrelevante Finanzinstitutionen (Institutionen, die so groß und bedeutend sind, dass ihre Pleite das gesamte Finanzsystem gefährden würde) übernehmen. Die Finanzministerien sollten diesen Institutionen eine Solvenzgarantie geben und sie – im Gegenzug – unter eine spezielle Regulierung stellen. Die Solvenzgarantie würde sich aus der Kapitalspritze der Regierung und den „debt for equity swaps“ zusammen setzen. Die systemrelevanten Finanzinstitutionen hätten dann eine klare Wahl: Entweder sie akzeptieren die Solvenzgarantie und alle damit verbundenen Regulierungen, oder sie müssen andere Möglichkeiten suchen, sich so umzugestalten oder abzusichern, dass sie nicht mehr als systemrelevant anzusehen sind.

Auch hier wird ein Mindestmaß an internationaler Harmonisierung unvermeidbar sein, um Regulierungsarbitrage zu verhindern. Die Kriterien zur Bewertung von Aktiva und Passiva müssen vereinheitlicht werden. Grenzüberschreitende Vereinbarungen, über die Lastverteilung bei multinationalen Konzernen müssen im Voraus getroffen werden, da spätere Verhandlungen eine unzureichende Rekapitalisierung zur Folge haben könnten.

„Käufer der letzten Instanz“ würden verhindern, das große und bedeutende Finanzinstitute Insolvenz anmelden müssten. Sobald die Finanzmarktteilnehmer dies registriert haben, würde ihr verhängnisvolles Misstrauen verschwinden, Banken würden wieder gegenseitige Kredite gewähren, Wertpapiere würden sich erholen und die Gefahr der Ansteckung würde sich abschwächen. Die Krise wäre vorbei.

In Kürze: Wir sind noch lange nicht an unserem Ziel angelangt, die Grundübel der gegenwärtigen Finanzkrise auszumerzen. Viele der Probleme, die uns in die Krise geführt haben, bestehen weiterhin. Um eine nützliche Vision einer neuen finanziellen Weltordnung zu entwerfen, täten die Regierungen der G20 gut daran, sich an den zielgerichteten Lösungen der obigen vier Probleme zu orientieren.

(Leicht überarbeitete Version eines Artikels in der Welt am Sonntag vom 23. November 2008 unter dem Titel „Wie wir dem Finanzalbtraum ein Ende bereiten können“.)

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*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.