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IfW-Fokus 55

09. Dezember 2008 

 

Schockwellen aus China*

von Dennis J. Snower

 

Zahlreiche wirtschaftspolitische Kommentatoren tun gegenwärtig so, als ob wir die Ursachen der Finanzkrise überwunden hätten und uns jetzt auf die Folgen für die Realwirtschaft konzentrieren könnten. Von diesen Folgen, so wird erzählt, ist hauptsächlich der Westen betroffen – insbesondere die USA, aber zunehmend auch Europa, da sich auch europäische Finanzinstitute auf dem amerikanischen Immobilienmarkt verspekuliert haben. Vor einigen Monaten war noch davon die Rede, dass sich die Schwellenländer von diesen Entwicklungen abkoppeln würden und dass dadurch der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft weiterhin in Bewegung bliebe. Diese Hoffnung ist inzwischen begraben worden und wird oft durch die weniger ambitiöse Hoffnung ersetzt, dass die Schwellenländer vom Abschwung weitgehend verschont bleiben werden. In dieser Sichtweise werden die Auswirkungen eines zukünftigen Konjunkturabschwungs vor allem im Westen zu spüren sein.

Meines Erachtens sollten wir uns auch von der weniger ambitiösen Hoffnung trennen. Denn der chinesische Wachstumsmotor wird immer schwächer. Der auslösende Impuls war der Absturz der Exporte und Immobilienwerte in China, der zu fallenden Einkommen und einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit in China führen wird. Die chinesische Regierung hat die wirtschaftliche Bedrohung schnell wahrgenommen und prompt gehandelt. Das chinesische Konjunkturpaket von fast 450 Milliarden Euro für Infrastruktur, Modernisierung, Agrarsubventionen und wohlfahrtstaatliche Unterstützung beträgt ungefähr 16 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts des vorigen Jahres. Das riesige amerikanische Konjunkturpaket von ungefähr 120 Milliarden Euro sieht daneben recht klein aus. In Reaktion auf den chinesischen Fiskalstimulus – der größte in der Geschichte Chinas – gab es einen starken Auftrieb an den betroffenen Börsen.

Am wirtschaftlichen Horizont kommt jedoch ein weiterer gewaltiger Schock auf die Weltwirtschaft zu. Trotz des voluminösen Konjunkturpakets sind sich alle Experten einig, dass das Wachstum der chinesischen Wirtschaft stark zurückgehen wird – von 12 Prozent im Jahr 2007 auf höchstens 8 oder 9 Prozent im kommenden Jahr. Treffen diese Prognosen zu, wird die Kapitalauslastung in China deutlich fallen.

Diese Kapitalschwemme wird die chinesische Investitionsnachfrage drastisch senken. Investitionen haben gegenwärtig einen Anteil von ungefähr 45 Prozent am chinesischen Bruttoinlandsprodukt. Sollte sich die Investitionsnachfrage etwa im kommenden Jahr halbieren, dann würde allein dadurch die Nachfrage in China um 22,5 Prozent sinken. Dieser Nachfragerückgang würde größer ausfallen als das riesige chinesische Konjunkturpaket und das chinesische Einkommenswachstum weiter beeinträchtigen und so den Konsum dämpfen. Die Folge wären eine weiter ansteigende Arbeitslosigkeit und weitere Investitionseinbußen.

Etwa so könnte der nächste Schock aussehen, der auf die Weltwirtschaft zukommt. Er hätte weitreichende Auswirkungen sowohl im Fernen Osten, als auch im Westen.

(Leicht überarbeitete Version eines Artikels im FTD Wirtschaftswunder vom 16.11.2008 unter dem Titel „Der nächste Schock")

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*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.