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IfW-Fokus 45

08. Juli 2008 

 

Weltinflation: Sind die Notenbanken machtlos?*

von Joachim Scheide

 

Seit geraumer Zeit steigen weltweit die Inflationsraten. Sie liegen in denjenigen Ländern, in denen die Notenbanken ein Inflationsziel verfolgen, teilweise deutlich über den angestrebten Werten. Auch in den USA ist die Rate höher, als sich die Fed implizit vorstellt.

Mit einigem Recht können die Notenbanken darauf verweisen, dass sie nichts gegen das Anziehen der Preise für Rohöl oder für Nahrungsmittel ausrichten können, denn sie werden weitgehend auf den Weltmärkten bestimmt, auch wenn sie natürlich das heimische Preisniveau in die Höhe treiben. Vielfach wird daher den Notenbanken nahe gelegt, sie sollten sich an der Kerninflation orientieren. Dies ist jedoch aus zwei Gründen problematisch. Erstens: Welche Berechnung der Kerninflation ist denn die richtige? Auch für den Euroraum liegen einige Maße für die Kerninflationsrate oberhalb der 2-Prozent-Marke. Zweitens: Die EZB hat sich, ebenso wie andere Notenbanken, dazu verpflichtet, den allgemeinen Preisanstieg niedrig zu halten, und sie hat das selbst immer wieder betont. In der Tat ist es zu einfach, diejenigen Güter, deren Preise besonders stark steigen, einfach aus dem Index herauszurechnen.

Aus weltwirtschaftlicher Sicht greift die Argumentation, die Notenbanken könnten nichts gegen die Inflation tun, zu kurz. Wenn die Weltinflation ein monetäres Phänomen ist (wer wollte das bestreiten?), muss es auch möglich sein, sie mittelfristig durch die Geldpolitik zu kontrollieren. Was wir derzeit in den hohen Inflationsraten sehen, ist das Ergebnis einer Geldpolitik, die lange Zeit zu expansiv war. Das Anziehen der Rohstoffpreise ist nicht nur, aber auch auf die lockere Geldpolitik zurückzuführen, ebenso wie das Anziehen der Immobilienpreise. Erforderlich ist nun, dass die Notenbanken weltweit einen moderaten Kurs fahren.

Nach der Taylorregel müssten mit dem Anstieg der Weltinflation die realen (Leit-)Zinsen steigen, um die Inflationsrate zu verringern. Das ist das sog. „Taylor-Prinzip“, es gehört zu den Kernaussagen in der modernen Makroökonomik. Derzeit geschieht dies aber nicht – im Gegenteil: Die Notenbank der größten Volks­wirt­schaft hat die Realzinsen massiv gesenkt, um die realwirtschaftlichen Folgen der Immobilienkrise zu mildern. In der Folge wertete der Dollar ab, und andere Notenbanken zögern, nicht zuletzt wegen der Aufwertung ihrer Währungen, die Zinsen anzuheben. Für die Inflation bedeutet dies auf mittlere Sicht nichts Gutes: Sie wird hoch bleiben oder zumindest auf absehbare Zeit nicht auf ein Niveau zurückgehen, das den Inflationszielen der Notenbanken entspricht – und zwar wohl selbst dann nicht, wenn wir Glück haben und der Ölpreis fällt.

Wenn die Notenbanken so unter Druck stehen, dass sie das Infla­tionsziel nicht vorrangig verfolgen können, wäre es da nicht einfacher, das Ziel selbst anzuheben? Sollte also die EZB statt knapp zwei Prozent nun knapp drei Prozent anzustreben? Stünde sie dann nicht besser da, weil sie ihr Ziel nicht so nachhaltig verfehlt? Damit würde das Problem jedoch nicht gelöst, sondern nur ver­schoben: Ein höheres Inflationsziel würde die Inflationserwartungen sofort steigen lassen, denn der Anker, an dem sich alle Akteure orientieren sollen, wird neu festgelegt. Wir müssten dann damit leben, dass die 3-Prozent-Marke deutlich überschritten wird, wenn z.B. die Preise an den Weltrohstoffmärkten so kräftig anziehen wie in letzter Zeit.

Als Lösung für das Problem hat John Taylor jüngst vorgeschlagen, es sollte ein Inflationsziel für die Welt geben. Dies scheint plausibel, denn die Inflation ist nicht in erster Linie ein nationales Phänomen, wie gerade jetzt deutlich wird. Das Problem ist allerdings, dass es keine geldpolitische Instanz gibt, die hier zuständig wäre – wir leben nicht in Robert Mundells Welt mit einer Währung. Folgt man dieser Idee dennoch, müssten die Notenbanken sozusagen koordiniert vorgehen und ihre Zinsen relativ wenig anheben, um das übergeordnete Ziel zu erreichen und die Inflation in der Welt zu senken. Dieser Vorschlag hat einen Charme, würde er doch das Problem, das einzelne Notenbanken offenbar nicht lösen können, am ehesten ohne allzu große Kosten bekämpfen. Denn die kurzfristigen Kosten, die bei einem Alleingang einer Notenbank entstehen können, wären für den betroffenen Währungsraum sehr groß, weil der Zinsanstieg sehr deutlich ausfallen müsste: Derzeit wäre bei den im Euroraum bestimmten Preisen eine massive Dis­inflation nötig bzw. sie dürften gar nicht steigen.

Doch wie bei fast allen Ideen zur internationalen Koordination der Wirtschaftspolitik gibt es hier einen entscheidenden Haken: Welche Notenbank würde nationale Interessen zugunsten eines internationalen Ziels aufgeben? Was könnte die Fed dazu bringen, ihren expansiven Kurs zu korrigieren, den sie eingeschlagen hat, um die amerikanische Konjunktur zu stützen?

Wenn diese Idee eines Ziels für die Weltinflation nicht explizit verfolgt wird, ist dennoch nicht alles verloren. Es bleibt der Ratschlag an die Politik, der fast immer richtig ist: „Keep your own house in order!“ Konkret heißt das: Die großen Notenbanken sollen nicht anderes tun als ihr Versprechen einzuhalten, nämlich ihr selbst gesetztes Inflationsziel anstreben, das zumeist bei zwei Prozent liegt. Wenn die wichtigen Notenbanken dies gemeinsam tun, wird das Ziel insgesamt leichter zu erreichen sein. Gewiss bleibt ein Problem, da nicht alle Notenbanken ein Inflationsziel haben. Aber es hat in früheren Jahren auch keine große Rolle gespielt, dass beispielsweise Russland nicht besonders ehrgeizig war hinsichtlich der Preisniveaustabilität, obwohl es für Russland sicherlich besser wäre, die Inflation niedrig zu halten. Ferner kann man Länder, die ihren Wechselkurs fixieren, nicht ohne Weiteres auf dasselbe Inflationsziel festlegen, wie es für viele große Währungsräume gilt. Doch auch China hat ein Interesse an einer deutlich niedrigeren Inflation.

Der Hinweis, es seien vor allem die Ölpreise, die die Inflation antreiben, kann nicht auf Dauer als Grund dafür herhalten, dass eine Notenbank mit einer stabilitätsgerechten Geldpolitik wartet. Denn die Inflationserwartungen werden sich nach oben bewegen, wenn die Preissteigerung über dem Ziel bleibt. Wie stark und wie nachhaltig dies der Fall sein wird, hängt nicht zuletzt vom Ölpreis ab. Diesbezügliche Prognosen haben sich in den vergangenen Jahren als massiv falsch erwiesen. Derzeit wird kaum jemand mehr aus­schließen, dass wir es mit einem neuen Trend bei den realen Weltrohstoffpreisen zu tun haben: Nach dem Rückgang, der über Jahrzehnte andauerte, gib es nun gute Gründe zu erwarten, dass der Trend mittelfristig nach oben zeigt.

Wenn dies zutrifft, haben die einzelnen Notenbanken gar keine andere Wahl, als ihr jeweiliges Inflationsziel ernst zu nehmen und den Kurs zu straffen. Die Erfahrung lehrt, dass die realen Kosten umso größer sind, je länger man dabei zögert, denn einmal ent­stan­dene Inflationserwartungen lassen sich nur schwer wieder zurückführen. Die Alternative ist: Wir hoffen, dass wir Glück haben und die Rohstoffpreise einbrechen. Sich darauf zu verlassen ist aus heutiger Sicht aber zu riskant.

(Leicht überarbeitete Version eines Artikels im FTD-Wirtschaftswunder vom 1. Juli 2008 unter dem Titel „Notenbanken sollen Inflationsziele auch einhalten")

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*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.