IfW-Fokus 40
| 27. Februar 2008 |
Der demographische Wandel fordert eine Strukturreform des Bildungssystems*
von Federico Foders
Europa steht vor einer demographischen Herausforderung: Im Zuge des Übergangs zu verhältnismäßig niedrigen Sterbe- und Geburtenraten kommt es zu einem Alterungs- und Schrumpfungsprozess, der zum Teil erhebliche Auswirkungen auf die Gesellschaft haben kann. Gelingt es jedoch, das Humankapital einer alternden Gesellschaft laufend zu aktualisieren, braucht sich die Gesellschaft vor den Folgen der demographischen Entwicklung in Zeiten der Globalisierung nicht zu fürchten. Die Beschleunigung des technischen Fortschritts als zentrale Triebfeder der Globalisierung erfordert eine kontinuierliche Anpassung des Wissens der älteren und der jüngeren Erwerbstätigen, einen „Upgrading-Prozess“, der durchaus im Bereich des wirtschaftspolitisch Machbaren liegt.
Bildungspolitisch geht es dabei um zwei Aspekte, die nicht unabhängig voneinander sind: Die Schaffung von Anreizen für die Weiterbildung und den Umbau des herkömmlichen Bildungssystems. Anreize für die Weiterbildung müssten sowohl innerhalb der Unternehmen als auch gesamtwirtschaftlich entstehen. In den Betrieben müsste die produktivitätswirksame Weiterbildung honoriert werden, und zwar auch dann, wenn sie nicht einer betrieblichen Weiterbildungsmaßnahme entsprungen ist. Erwerbstätige, die sich auf eigene Kosten weiterbilden, haben die Möglichkeit, der im Zeitablauf unvermeidbaren Entwertung ihres Humankapitals entgegen zu wirken und so ihre Produktivität im Betrieb aufrecht zu erhalten bzw. zu erhöhen. Zudem qualifizieren sie sich gleichzeitig für einen eventuellen Arbeitsplatz- und/oder Berufswechsel und werden dadurch nicht nur beruflich, sondern auch räumlich mobiler. Dagegen dienen Weiterbildungsmaßnahmen im Betrieb überwiegend der Bildung von unternehmensspezifischem Humankapital, das zwar mit einer stärkeren Mitarbeiterbindung, aber auch mit einem höheren Risiko verbunden ist.
Im Grunde wird der Nutzen einer Weiterbildung in der Personalabteilung eines Unternehmens festgelegt, indem ihr anlässlich der Beurteilung von Bewerbungen oder Beförderungen ein bestimmtes Gewicht beigemessen wird. An dieser Stelle zeigt sich häufig, dass es an Qualitätsstandards für die Weiterbildung fehlt und dass Personalabteilungen deshalb ein schwieriges Informationsproblem zu lösen haben. Während die Weiterbildungsnachfrager im eigenen Interesse stets auf die Qualität der Dienstleistung Weiterbildung zu achten haben, könnten die Weiterbildungsträger selber für Abhilfe sorgen, indem sie zu mehr Transparenz auf dem Weiterbildungsmarkt beitrügen.
Das Obsolenzrisiko des Humankapitals kann also durch eine Strukturreform des Bildungssystems verringert werden. Dazu müsste die Verweildauer der Jüngeren in der ersten Bildungsphase verkürzt und das Konzept des lebenslangen, berufsbegleitenden Lernens umgesetzt werden. Hierfür müsste die (informelle) Vorschulerziehung aufgewertet werden, die oft über den Erfolg der ersten Bildungsphase entscheidet. Nach der ersten Bildungsphase würden die Erwerbstätigen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen ihr Wissen in Weiterbildungsveranstaltungen aktualisieren. Dies erfordert einen grundlegenden Umbau des herkömmlichen Bildungssystems, das überwiegend auf die „bildungsrelevante“ Bevölkerung (die Gruppe der unter 30-Jährigen) ausgerichtet ist. Als erstes müsste der Begriff der bildungsrelevanten Bevölkerung erweitert werden, und zwar auf die Erwerbstätigen aller Alterstufen. Weiterhin müsste der Begriff der Weiterbildung, der heute durch die Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik geprägt ist, ebenfalls erweitert werden. Die Inhalte der Weiterbildung im hier vertretenen Sinne reichen von der allgemeinen und der beruflichen bis hin zur akademischen Bildung. Das heißt, dass praktisch alle Segmente des herkömmlichen Bildungssystems zu Anbietern von Weiterbildung für Erwerbstätige aller Altersgruppen werden könnten.
Unklar ist, ob die für den Strukturwandel im Bildungssystem notwendigen institutionellen Reformen höhere Bildungsausgaben begründen würden. Könnte dies nicht ausgeschlossen werden, so müsste berücksichtigt werden, dass der Bildungsaufwand Ansprüche an das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stellt, die mit den im Zuge der demographischen Entwicklung gestiegenen Ansprüchen der Rentenversicherung und des Gesundheitswesens konkurrieren. Der Humankapitalbildung kommt jedoch in diesem Zusammenhang aufgrund ihres außergewöhnlichen Beitrages zum Wirtschaftswachstum eine besondere Bedeutung zu: Sie trägt dazu bei, dass die Ansprüche auf das BIP finanziert werden können. Findet sich im politischen Prozess keine Mehrheit für einen höheren Bildungsaufwand, besteht in Ländern wie Deutschland, in denen es ein weitgehendes Angebotsmonopol des Staates bei der Bereitstellung von Bildungsdienstleistungen gibt, die Möglichkeit, wie bei der Rentenversicherung und im Gesundheitswesen, weite Teile des Bildungssystems unter Beibehaltung der staatlichen Regulierungshoheit zu privatisieren. Allerdings würde eine Privatisierung von Teilen des Bildungssystems (oder der Rentenversicherung und des Gesundheitswesens) langfristig von der Höhe der privaten Ersparnis abhängig sein, die in alternden Bevölkerungen rückläufig sein könnte und außerdem von der Reform der Rentenversicherung vor dem Hintergrund einer zunehmenden Lebenserwartung beeinflusst würde.
Der demographische Wandel fordert eine tiefgreifende Strukturreform des Bildungssystems: Damit das Humankapital einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung in Zeiten der Globalisierung kontinuierlich aktualisiert werden kann, müsste das Bildungssystem einem Strukturwandel zugunsten der Weiterbildung von Erwerbstätigen unterzogen werden. Ein Bildungssystem, das seinen Schwerpunkt im Weiterbildungssegment fände, könnte – anders als das herkömmliche System – seine Angebote deutlich ausweiten und so die gestiegene Nachfrage nach akademischen und nichtakademischen Formen der Weiterbildung befriedigen.
(Geringfügig überarbeitete Fassung eines Beitrags in der Sparkassenzeitung vom 8. Februar 2008 unter dem Titel „Strukturwandel im Bildungssystem als Antwort auf die Globalisierung und den demographischen Wandel“.)
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*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.