IfW-Fokus 30
Arbeitsmärkte für den Aufschwung öffnen*
von Federico Foders
Der Aufschwung ist da und die Fachkräfte werden knapp, so lautet die stets wiederkehrende Klage mehrerer Branchen. Ob die Fachkräfte im Allgemeinen tatsächlich so knapp sind, wie behauptet wird, ist eine andere Frage. Denn die Klagen beziehen sich meist ausschließlich auf das kurzfristig verfügbare Angebot an jungen Fachkräften. In der Tat erleben wir seit vielen Jahren, dass die Anzahl der Absolventinnen und Absolventen ebenso wie die der Studienanfängerinnen und Studienanfängern in den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen stagniert oder zuweilen sogar rückläufig ist. Auf den früher so oft zitierten Schweinezyklus (etwa bei Chemikern und Ingenieuren) kann man sich inzwischen nicht mehr verlassen. Handeln ist jetzt gefragt.
Zu den Gründen für die Knappheit von Fachkräften in Deutschland, zu denen u. a. die Eigenheiten des Bildungssystems zählen, gesellt sich auch eine Personalpolitik in den Unternehmen, welche die Einstellung von jungen Arbeitskräften in den Mittelpunkt der Personalplanungen rückt. Sie hat jedoch mit dem „Jugendwahn“ nicht viel gemeinsam: In dem Bestreben, höhere Lohnkosten, aber auch Weiterbildungsinvestitionen zu vermeiden, werden vielfach erfahrene Fachkräfte, darunter Naturwissenschaftler und Ingenieure, frühzeitig in den Ruhestand verabschiedet. Welche Folgen hat dies? Wir leisten uns den Luxus, ein großes Arbeitskräftepotenzial brach liegen zu lassen und die ohnehin labilen sozialen Kassen damit zu belasten. Mitarbeiter, die das 55. Lebensjahr überschritten haben, seien im Unternehmen nicht mehr einsetzbar, heißt es. Doch ob deren Beitrag zum Unternehmenserfolg im nennenswerten Bereich liegt, hängt nicht so sehr vom Alter, sondern vielmehr vom Umfang der betrieblichen und außerbetrieblichen Weiterbildung ab, die sie während ihrer Berufstätigkeit erfahren haben. Und die ist aufgrund unterlassener Investitionen in den meisten Fällen kaum imstande, das technische Wissen älterer Mitarbeiter bedarfsgerecht, im Sinne des jeweiligen Unternehmens also, zu aktualisieren. Diese Verschwendung von Humankapital dürfte erst dann ein Ende haben, wenn der Staat die Anreize für betriebliche Frühverrentungsprogramme abbaut und stattdessen Anreize für die Weiterbildung schafft und die Unternehmen ihren (jungen und alten) Fachkräften Weiterbildungschancen anbieten, die zugleich als Instrument für die langfristige Bindung von qualifizierten Mitarbeitern dienen. Vor allem angesichts der zu erwartenden demographischen Entwicklung erscheinen solche Anreize als unabdingbar,
Welche Optionen haben Unternehmen sonst noch? Erstens scheint das deutsche Fachkräftereservoir bisher nur in einigen Regionen ausgeschöpft zu sein. Eine engere Zusammenarbeit der Wirtschaft mit den Hochschulen in allen Bundesländern und nicht nur im Sitzland eines Unternehmens könnte helfen, den Pool spürbar zu erweitern. Zweitens könnten Fachkräfte in der EU rekrutiert werden, vor allem in den alten (14) EU-Ländern. Unter diesen Ländern herrscht nämlich seit vielen Jahren unbeschränkte Freizügigkeit. Warum gelingt es nicht, junge Fachkräfte aus England, Frankreich, Finnland oder den Niederlanden verstärkt nach Deutschland zu locken? Warum werden Studierende aus diesen Ländern, die in Deutschland ein Auslandssemester oder -praktikum absolvieren, nicht bereits an der Hochschule oder im Betrieb angeworben? Warum arbeiten deutsche Unternehmen nicht mit den Hochschulen in diesen Ländern zusammen? Warum gibt es nicht mehr deutsche Stipendien für Aufenthalte von Studierenden aus den EU-Ländern in Deutschland?
Die öffentliche Diskussion konzentriert sich zurzeit (wie schon im Jahr 2000) auf Fachkräfte aus Drittländern. Soll etwa die ergebnisschwache Green Card für IT-Fachkräfte neu aufgelegt werden, für die ein jährliches Mindesteinkommen von 85.000 Euro gegolten hat? Davon abgesehen, dass Mindestlöhne weder bei der Zuwanderung noch in anderen Bereichen zielführend sein können, warum werden nicht Studierende aus Drittländern, die sich in Deutschland aufhalten und die während ihres Studiums die deutsche Sprache und Kultur kennen lernen, in Zusammenarbeit mit den Hochschulen von Unternehmen direkt angesprochen? Inzwischen existieren auch etliche internationale Austauschprogramme, die zum Teil zu Doppellabschlüssen führen und die noch nicht gezielt genug für den Arbeitskräftebedarf der deutschen Wirtschaft genutzt werden. Warum eigentlich nicht?
Nicht nur die mangelnde Kooperation zwischen Hochschulen und Wirtschaft sowie unrealistische Zuwanderungsbedingungen zementieren das niedrige Fachkräfteangebot in Deutschland, auch wirtschaftspolitische Versäumnisse tragen in einem nicht unerheblichen Ausmaß dazu bei: Deutschland hat sich besonders stark gemacht für möglichst lange Übergangsfristen bei der Einführung der Freizügigkeit für Arbeitskräfte aus den neuen Mitgliedsländern, die anlässlich der EU-Erweiterungen von 2004 und 2007 aufgenommen worden sind. Wer seine Arbeitsmärkte auf diese Weise bewusst von der Weltwirtschaft abkoppelt, darf sich aber nicht wundern, wenn Fachkräfte knapp werden und deren Löhne kräftig anziehen. Allein offene Arbeitsmärkte können der deutschen Wirtschaft die größtmögliche Auswahl an Fachkräften bieten. Wer der Arbeitsmarktabschottung das Wort redet und nicht bereit ist, die eigenen Arbeitsmärkte für den internationalen Wettbewerb der Fachkräfte zu öffnen, vergisst, dass Protektion nicht zum Nulltarif zu haben ist: Sie gefährdet den lang ersehnten Aufschwung, den wir momentan erleben dürfen. Und: Langfristig werden wir dafür mit spürbaren Wohlstandsverlusten bezahlen müssen.
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*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.