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10.02.2012
 
 
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Die Große Transformation

 

Seit der industriellen Revolution geht das mehr oder weniger stetige Einkommenswachstum der Weltwirtschaft mit der Transformation zahlreicher ökonomischer, sozialer, politischer und kultureller Variablen einher. Der wirtschaftliche Strukturwandel vom Agrar- zum Dienstleistungssektor, die soziale Entwicklung vom Land- zum Stadtleben sowie die Verdrängung autoritärer Systeme durch Demokratien sind nur einige Beispiele dafür. Auch demographische, umwelt- und verteilungsbezogene Variablen haben sich in vielen Ländern innerhalb der letzten 200 Jahre stark verändert. Reiche Länder unterscheiden sich von armen Ländern also nicht nur bezüglich ihrer Pro-Kopf Einkommensgrößen, sondern praktisch in allen entwicklungsrelevanten Dimensionen.
 
Die sozio-ökonomische Transformation verläuft allerdings nicht überall nach dem gleichen Muster, sodass die in der Vergangenheit beobachteten Transformationen nicht mehr als eine grobe Annäherung an einen langfristig zu erwartenden Trend erlauben, der von komplexen Wechselwirkungen zwischen den beteiligten Variablen überlagert wird. Für eine konsistente Politikgestaltung benötigt man allerdings ein Verständnis der Hauptwirkungsrichtung zwischen dem langfristigem Einkommenswachstum und den damit einhergehenden Transformationen.
 
Reiche Länder sind beispielsweise im Durchschnitt weniger korrupt als arme Länder, und ihre demokratischen Systeme sind in der Regel weiter entwickelt. Damit stellt sich die Frage, ob eine hohe Korruptionsrate und ein autokratisches Herrschaftssystem die Ursache oder ob sie genau umgekehrt die Folge eines geringen Einkommensniveaus sind. Darüber hinaus wird in neueren Studien bestritten, dass es überhaupt einen direkten Zusammenhang zwischen dem Einkommensniveau eines Landes und den jeweiligen politischen oder kulturellen Variablen gibt. In der aktuellen wirtschaftswissenschaftlichen Literatur beginnt eine intensive Debatte zu diesen Fragen. Trotz einer älteren Literatur, die unter anderem bis Marx, Freud, Weber und Kuznets zurückreicht, gibt es eine Reihe von ungelösten theoretischen und empirischen Problemen.
 
In diesem Projekt soll versucht werden, ein einheitliches analytisches Gerüst zu konstruieren, mit dem die Große Transformation systematisch untersucht werden kann. Die Ausgangshypothese besagt, dass das Einkommensniveau die Transformation verschiedener Variablen bestimmt, die weltweit in allen Bereichen der Gesellschaft zu beobachten ist und in ihrer Gesamtheit den Prozess der modernen Entwicklung darstellt. Der analytischer Ansatz, der in seiner einfachsten Form die Grundlagen der Wachstums- und Handelstheorie kombiniert, soll neue empirische Einblicke in den Transformationsprozess der letzten 200 Jahre ermöglichen. Weiterführende empirische Studien werden zeigen, ob es in der Tat gerechtfertigt ist, von einer Großen Transformation zu sprechen. Dies würde implizieren, dass Länder mit einem derzeit niedrigen Einkommensniveau dieselbe wirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Entwicklung durchlaufen werden, die auch die heute reichen Länder erlebt haben.

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